Die Route zum B8

Es ist schon eine Weile her, als ich in einer Fachzeitschrift einen interessanten Artikel fand. Die Zeitschrift hieß Outward Bound. Es war ein Wortspiel. Wer schon mal in London war, kennt den Ausdruck als Richtungsangabe auf U-Bahn-Anzeigen. „Outward bound“ sind diejenigen Züge, die vom Zentrum nach draußen fahren (im Gegensatz zu „Inward bound“, die von der Peripherie ins Zentrum unterwegs sind). Der Artikel stammte von einer überaus erfahrenen Bergstei­gerin, einer älteren Dame – und Londonerin.

Die Autorin beschrieb darin ihre Route zum Berg 8. Es handelt sich dabei eigentlich nicht um einen Berg, sondern ein Massiv, bestehend aus einer ganzen Reihe von einzelnen Bergen. Es ist das zentrale von acht oder mehr einzelnen Massiven – völlig unbekannt und hinter dem Horizont vorgelagerter Berge dem menschlichen Auge anscheinend für immer verborgen.

Sie beschrieb aber nur zwei der acht Berge, so dass man sie zur gegebenen Zeit erkennen würde. In der Hauptsache legte sie dar, wie man selbst die Route findet – wie man selbst den Einstieg zum B1 findet und von dort aus weitergeht. Ich sprach oft mit ihr, und sie beantwortete geduldig all meine Fragen. Doch sie war bereits von Blessuren gezeichnet, die sie auf früheren Touren erlitten hatte. Sie starb, und ich war auf mich allein gestellt.

Ich setzte mich mit etlichen Leuten in Verbindung, alle dem Vernehmen nach erprobte Bergsteigerinnen und Bergsteiger. Doch als ich ihnen von der Sache erzählte, stieß ich nur auf Skepsis, und bald war nichts mehr von ihnen zu hören. Also packte ich meinen Krempel und machte mich allein auf zu einer Art Basis-lager.

Es war nicht viel von den Bergen zu sehen. Sie schienen im ewigen Nebel zu liegen. So verbrachte ich noch eine Weile in der Hütte. Ich studierte nochmals die Instruktionen und versuchte, mich auf das einzustellen, was mich erwarten würde. Eines Tages zeigte sich die Sonne, und ich brach auf.

Es lief jedoch ganz anders, als ich es mir vorgestellt hatte. Ich fand sofort den Einstieg zum B1. Was man als glücklichen Umstand hätte auffassen können, erwies sich bald als zusätzliche Schwierigkeit. Gewöhnlich wird man zuerst kleinere Hügel überqueren, Bachläufen folgen und sich durchs Dickicht schlagen – und sich auf diese Weise mit der Gegend vertraut machen. Doch es läuft für jeden, wie es für ihn läuft.

Die Sicht war durchwegs schlecht. Häufig waren Steilwände nicht zu umgehen, und ich hatte eine Menge an Haken zu setzen. Wenn es nicht mehr weiterging, musste ich wieder ein Stück absteigen und mir eine andere Route suchen.

Ich erhielt großartige Ausblicke, die mich für alle Anstrengungen entschädigten. Doch es wurde immer mühseliger. Am B5 geriet ich in ernsthafte Schwierigkeiten. Ich war am Ende meiner Kräfte, zerschunden und erschöpft. Ich war einfach noch zu unwissend und unerfahren für eine solche Tour. Außerdem gingen mir Vorräte und Haken aus. Ich hatte keine andere Wahl. Ich musste zurück, ganz nach unten, zum Basislager.

Dort angekommen, ruhte ich mich erst einmal aus. Ich ging die Instruktionen immer und immer wieder durch, ebenso die Route, die ich bisher gegangen war. Ich begann zu trainieren, und irgendwann war ich wieder bereit.

Ich durchstieg B1 bis B4 und fand den Gipfel des B5. Doch dann war erst mal Schluss. Ich fand einfach keinen Zugang zu einem weiteren Berg. Schließlich dämmerte es mir. Ich hatte die ganze Zeit in der falschen Richtung gesucht. B6 und B7 lagen auf einer anderen als der bisherigen Linie. Ich fand den Einstieg zum B6 – und begann, das ganze Massiv zu verstehen. Schließlich stand ich am Fuß des B8. Es ist der „Berg aller Berge“, einzigartig in seiner wilden Schönheit, seiner Abgeschiedenheit - und seiner Schwierigkeit. Doch nun war sie mir willkommen. Ich stand lange am Gipfel des B8. Die Sicht war schier endlos. Unter mir lagen all die Berge, die ich durchstiegen hatte, und dahinter das weite Land, von dem ich einst ausgegangen war.

Ich stieg ab zum Basislager und verarbeitete meine Erfahrungen. Danach machte ich die Tour noch einige Male. Ich war noch nicht zufrieden damit, und ich wollte auch als Bergführer für diejenigen da sein können, die bereit dafür sein würden. Im Lichte der neuen Erkenntnisse, die ich bei jedem Mal hinzugewann, sah ich, wo und weshalb ich Umwege und Irrwege gegangen war. Und schließlich gelangte ich zu einer optimalen Route.

Was ist damit gewonnen?

  • Die Fähigkeit, endlos weit zu sehen und ebenso tief zu blicken. Fassen Sie es als einen Aspekt von Präsenz auf.

  • Die Fähigkeit zu lernen: sich fortwährend zu korrigieren und verbessern.

  • Einsicht in die Strukturen, die unserer Gesellschaft zugrundeliegen. Man löst damit nicht die Strukturen der Gesellschaft selbst auf, aber man entzieht sich all seinen Verstrickungen darin, um allmählich damit zu machen, was immer man will.

Das sagt Ihnen nicht viel? Nun, das ist der Grund für mein Gleichnis. Es steht für Teil III (Soloanalyse), Abschnitt 1.

Anmerkung: In der kleinen Skizze – einige werden es erraten haben - steht M für lat. „mons“, der Berg.

 

 

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