Die Route zum B7

Es ist schon eine Weile her, als ich in einer Fachzeitschrift einen interessanten Artikel fand. Die Zeitschrift hieß Outward Bound. Es war ein Wortspiel. Wer schon mal in London war, kennt den Ausdruck als Richtungsangabe auf U-Bahn-Anzeigen. „Outward bound“ sind diejenigen Züge, die vom Zentrum nach draußen fahren (im Gegensatz zu „Inward bound“, die von der Peripherie ins Zentrum unterwegs sind). Der Artikel stammte von einer überaus erfahrenen Bergstei­gerin, einer älteren Dame – und Londonerin.

Die Autorin berichtete darin von ihrer Tour zum „Berg 7“. Es handelt sich dabei eigentlich nicht um einen Berg, sondern ein Massiv, bestehend aus einer ganzen Reihe von einzelnen Bergen. Es ist das entlegenste von sieben einzelnen Massiven – völlig unbekannt und hinter dem Horizont vorgelagerter Berge dem mensch-lichen Auge anscheinend für immer verborgen.

Sie beschrieb aber nur diesen einen Berg, so dass man ihn zur gegebenen Zeit erkennen würde. In der Hauptsache legte sie dar, wie man selbst seine Route findet – wie man selbst den Einstieg zum B1 findet und von dort aus weitergeht. Ich sprach oft mit ihr, und sie beantwortete geduldig all meine Fragen. Doch sie war bereits von Blessuren gezeichnet, die sie auf früheren Touren erlitten hatte. Sie starb, und ich war auf mich allein gestellt.

Ich setzte mich mit etlichen Leuten in Verbindung, alle dem Vernehmen nach erprobte Bergsteigerinnen und Bergsteiger. Doch als ich ihnen von der Sache erzählte, stieß ich nur auf Skepsis, und bald war nichts mehr von ihnen zu hören. Also packte ich meinen Krempel und machte mich allein auf den Weg.

Ich gelangte zu einer einsamen Hütte: einer Art Basislager. Von den Bergen war nicht viel zu sehen. Sie schienen im ewigen Nebel zu liegen. So verbrachte ich noch eine Weile in der Hütte. Ich studierte nochmals die Instruktionen und versuchte, mich auf das einzustellen, was mich erwarten würde. Eines Tages zeigte sich die Sonne, und ich brach auf.

Es lief jedoch ganz anders, als ich es mir vorgestellt hatte. Ich fand sofort den Einstieg zum B1. Was man als glücklichen Umstand hätte auffassen können, erwies sich bald als zusätzliche Schwierigkeit. Gewöhnlich wird man zuerst kleinere Hügel überqueren, Bachläufen folgen und sich durchs Dickicht schlagen – und sich auf diese Weise mit der Gegend vertraut machen. Doch es läuft für jeden, wie es für ihn läuft.

Die Sicht war durchwegs schlecht. Häufig waren Steilwände nicht zu umgehen, und ich hatte eine Menge an Haken zu setzen. Wenn es nicht mehr weiterging, musste ich wieder ein Stück absteigen und mir einen anderen Weg suchen.

Ich erhielt großartige Ausblicke, die mich für alle Anstrengungen entschädigten. Doch es wurde immer mühseliger. Am vierten Berg der Tour geriet ich in ernsthafte Schwierigkeiten. Ich war am Ende meiner Kräfte, zerschunden und erschöpft. Ich war einfach noch zu unwissend und unerfahren für ein solches Vorhaben. Außerdem gingen mir Vorräte und Haken aus. Ich hatte keine andere Wahl. Ich musste zurück, ganz nach unten, zum Basislager.

Dort angekommen, ruhte ich mich erst einmal aus. Ich ging die Instruktionen immer und immer wieder durch, ebenso die Route, die ich bisher gegangen war. Ich kam wieder zu Kräften, und irgendwann war ich wieder bereit.

B1 bereitete keine Probleme. Darüber hinaus war die Sicht besser als beim ersten Versuch. So fand ich den Einstieg zu einem weiteren, mir bislang unbekannten Berg: dem B2. Ich durchstieg die weiteren Berge und gelangte zum fünften (zuvor als vierten entdeckten) Berg. Doch dann war wiederum Schluss. Ich fand einfach keinen Zugang zu einem weiteren Berg.

Schließlich dämmerte es mir: Die Probleme hatten nach dem B3 begonnen. Danach hatte ich die ganze Zeit in der falschen Richtung gesucht. Der tatsächliche B4 lag auf einer anderen als der bisherigen Linie. Ich fand den Einstieg – und begann, die Gesamtheit der Massive zu verstehen.

Vom B4 aus war es ein leichtes, zurück auf die alte Linie und zum B5 zu gelangen. Ich kannte ihn ja schon, fand nun aber ganz neue Aspekte vor. Ich vermutete einen weiteren Berg etwa auf der Parallelen zu B3 nach B4; und so fand ich den B6. Er tauchte irgendwann schemenhaft im Schneetreiben vor mir auf.

Schließlich stand ich wieder am Fuß des Bergs, an dem ich zweimal gescheitert war. Es war der ursprünglich beschriebene Berg: der B7, einzigartig in seiner wilden Schönheit, seiner stillen Abgeschiedenheit - und seiner unerbittlichen Schwierigkeit. Doch nun war sie mir willkommen.

Ich hockte lange am Gipfel des B7. Die Sicht war schier endlos. Ganz in der Ferne konnte ich den Gipfel eines weiteren Bergs oder Massivs erkennen. Unter mir lagen all die Berge, die ich durchstiegen hatte, und dahinter das weite Land, von dem ich einmal ausgegangen war.

Ich stieg ab zum Basislager und schrieb meine Erfahrungen auf. Danach machte ich die Tour noch etliche Male. Ich war noch nicht zufrieden damit und wollte auch als Bergführer für diejenigen da sein können, die bereit dafür sein würden. Im Lichte der neuen Erkenntnisse, die ich bei jedem Mal hinzugewann, sah ich, wo und weshalb ich Umwege und Irrwege gegangen war. Und schließlich gelangte ich zu einer optimalen Route.

Was ist damit gewonnen?

  • Die Fähigkeit, so weit zu sehen und so tief zu blicken. Fassen Sie es als einen Aspekt geistiger Präsenz auf.
  • Die Fähigkeit zu lernen: sich fortwährend zu korrigieren und verbessern.
  • Einsicht in die Strukturen, die unserer Gesellschaft zugrundeliegen. Man löst damit nicht die Strukturen der Gesellschaft selbst auf, aber man entzieht sich all seinen Verstrickungen darin, um allmählich damit zu machen, was immer man will.

Das sagt Ihnen nicht viel? Nun, das ist der Grund für mein Gleichnis. Es steht für Teil III (Soloanalyse), Abschnitt 1.

 

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