Hintergrund

Wenn Ihnen jemand erzählt, dass er sich einen neuen Rasenmäher oder Fernseher kau­fen will, ist Ihnen sofort klar, wovon er spricht. Es geht um Rasenmäher oder Fernseher. Und jeder weiß, was das ist.

Die Sache ist wahrscheinlich nicht so einfach, wenn jemand von der „Seele“ spricht – vielleicht wenn er Ihnen rät, „die Seele baumeln zu lassen“, oder wenn er die „Psyche“ (das griechische Wort dafür) verdächtigt, etwas mit diesem oder jenen Zipperlein zu tun zu haben. Die Leute haben gewöhnlich eine von zwei Ideen dazu: dass sie eine haben oder dass sie keine haben. Und das ist keine ausreichende Realität, um vernünfti­g darüber reden zu können.

Die moderne Psychologie hat sich diplomatisch aus der Affäre gezogen. Sie nennt sich immer noch „Psychologie“ (vom grch. „psyche“, Seele + „logos“; Wort; Lehre): die „Lehre von der Seele“. Doch sie definiert sich nach deren Phänomenen: als „Lehre vom menschlichen Erleben, Verhalten und Handeln“.

 

Allzu moderne Wissenschaften

Der Mensch ist im Grunde schlecht. Er ist mit der „Erbsünde“ geboren: der Sünde seiner Urahnen, die darin bestand, vom „Baum der Erkenntnis“ gegessen zu haben. Deshalb ist er überhaupt da; und deshalb sollte er seine Tage damit verbringen, Buße zu tun. Das war stets eine zentrale Botschaft der christlichen Kirche.

Aurelius Augustinus stellte einst fest, dass alle Erkenntnis gottgegeben und alles menschliche Geschick im unergründlichen Ratschluss Gottes vorherbestimmt sei. So gesehen war es natürlich von vornherein sinnlos, sich überhaupt um irgendwelche Erkenntnisse zu bemühen.

Augustinus war tausend Jahre die Autorität der christlichen Kirche, und die christliche Kirche war eineinhalb Jahrtausende die Autorität des Abendlands. Erst als ihre Macht schwand, konnte die Philosophie „aus ihrem Dornröschenschlaf erwachen“ (Klaus Schneewind). Und sie machte mit Albertus Magnus und Thomas von Aquin ge­nau dort weiter, wo sie vor so langer Zeit in den Schlaf gesunken war: bei Aristoteles. – Um­berto Eccos „Im Namen der Rose“ beruht sozusagen auf einer wahren Geschichte. Die Re­naissance (frz. „Wiedergeburt“) war die Wiedergeburt des Menschen zu seiner eige­nen Erkenntnisfähigkeit.

Die „Seele“ war durch ihre Verwicklung in die christliche Lehre in Verruf geraten. Doch den Vorden­kern der neuen Zeit war klar, dass das Leben aus mehr als nur körper­licher Materie bestehen muss. Thomas von Aquin wies den Pflanzen eine „vegetative Seele“, den Tieren eine „animalische Seele“ und den Menschen eine „geistige Seele“ zu. Er meinte jedoch, dass die Seele der Pflanzen und Tieren mit ihrem Tod vergehe und nur die Seele des Menschen unsterblich sei.

René Descartes vereinfachte die Sache. Wozu brauchte man eine Seele, wenn sie mit dem Körper zugrunde ginge? Also betrachtete er nur den Menschen als beseelt – was dazu führte, dass er sich mit grausamen Tierversuchen beschäftigte.

Die Philosophen (vom grch. „philos“, Freund + „sophia“, Weisheit: „Freunde der Weis­heit“) beschäftigten sich mit Raum und Zeit, Ursache und Wirkung als Grundele­menten der Wahrnehmung. Sie erkannten Ähnlichkeiten und Gegensätze, räumliche und zeit­liche Zusammenhänge als Prinzipien der Assoziation: der Verknüpfung von Wahr­nehmungen und Erinnerungen im Erkennen und Denken. Sie machten sich Gedanken über die Ethik; und Immanuel Kant formulierte seinen kategorischen Imperativ: „Handle nur nach derjenigen Maxime, durch die [von der] du zugleich wollen kannst, dass sie ein allgemeines Gesetz werde!“

Die Philosophie war, abgesehen von ihren englischen Spielartern, meist eine Meta­physik (vom grch. „meta“, zwischen, über + Physik). Man sah die physikalische Welt als Aus­druck einer höheren, geistigen Welt; und man betrachtete den Menschen als „Geist“ - Teil eines allumfassenden „göttlichen Geistes“.

Damit hatte man die „Seele“ endgültig der Religion überlassen. Dafür sprach man jetzt vom „Geist“, allerdings nur im Zusammenhang mit dem Menschen. – Niemand kam auf die Idee, dass das Lebewesen aus Körper und Seele bestehen und im Falle des Men­schen noch der Geist (auch das „Selbst“) dazukommen könnte.

Aus der Philosophie gingen die Wissenschaften hervor. Es waren die Geisteswissen­schaften und die Naturwissenschaften.

Die Geisteswissenschaften wurden offenbar nach dem neuen Selbstverständnis des Menschen benannt: als Wissenschaften vom Geiste. Man untersuchte die Grundlagen des Denkens - in der Logik und Mathematik; und man befasste sich mit deren Anwen­dungen - in den Sprach-, Rechts- und Wirtschaftswissen-schaften.

In den Naturwissenschaften wurde die Welt um uns herum erforscht: die Natur - zunächst die unbelebte Natur in der Astronomie, Physik und Chemie, dann auch die belebte Natur in der Biologie und Medizin.

Ein mächtiges Hindernis für die Biologie war lange Zeit die Lehre von der „Konstanz der Arten“. Sie besagte, in Übereinstimmung mit der biblischen Schöpfungsgeschichte, dass alle Lebewesen seit jeher als solche existiert hätten.

Jean Baptiste de Lamarck meldete schon im 18. Jahrhundert Bedenken an. Er glaubte in den Bauplänen von Organismen ihre Stammesentwicklung zu erkennen. Doch er konnte sich noch nicht gegen das kirchliche Dogma durchsetzen. Das gelang erst hundert Jahre später Charles Darwin mit seiner Evolutionstheorie, womit er der Bio­logie die Tür zur Wissenschaft öffnete.

Es war insbesondere die Medizin, die unter dem kirchlichen Dogma gelitten hatte. 1500 Jahre lang war es ihr verboten gewesen, Leichen zu öffnen (um die Aufer­stehung der Toten am Jüngsten Tag nicht zu gefährden). Grundlage der mittelalterlichen Heilkunde waren die Schriften des Galenos aus dem zweiten Jahrhundert n. Chr. Als man sich nun den menschlichen Körper genauer ansah, stellte man fest, dass die Ana­tomie des Gale­nos die eines Affen gewesen war.

Bedeutsame Fortschritte erzielte man jedoch erst im 19. Jahrhundert. Biologen hatten die tierische Zelle entdeckt und ihre Bedeutung für die Lebensvorgänge des Organismus erkannt. Also machten sich Mediziner daran, Krankheitsprozesse bis in die Zellen des menschlichen Organismus zu verfolgen. Und Rudolf Virchow erkannte Krankheiten als „Veränderungen von Zellen oder Zellaggregaten (Organen)“.

Nun tauchte die Frage auf, was denn die Ursache dieser Zellveränderungen sein könnte. Jacob Henle publizierte eine Theorie, nach der zahlreiche Krankheiten durch mikrosko­pisch kleine Lebewesen verursacht würden. Louis Pasteur fand heraus, dass solche Lebewesen aus ihren Keimen entstehen und dass man „Keimfreiheit“ erreichen kann, wenn man sie durch Kochen abtötet. Es war Robert Koch, der bestimmte Bakterien als Erreger von Infektionskrankheiten nachwies und maßgeblich an der Einführung der Impfung beteiligt war. Der entscheidende Fortschritt jedoch war allem Anschein nach die Verbreitung der neuzeitlichen Hygiene, die insbesondere das Verdienst von Max von Pettenkofer ist.

Die Befreiung von den Infektionskrankheiten, die das Leben so viel sicherer und besser gemacht hatte, war natürlich auf die neue Wissenschaftlichkeit zurückzuführen. Also warf man auch alles restliche Gedankengut über Bord, das in irgendeiner Weise den Anschein von Spekulation aufwies. Und darunter fielen natürlich Begriffe wie „Seele“ und „Geist“.

Carl von Rokitansky, ein bekannter Wiener Arzt, formulierte den Zeitgeist in bemer­kenswert widersinniger Weise. „Also, ich hab’ schon 80.000 Leichen seziert“, meinte er, „aber Seele hab’ ich noch keine gesehen.“ Man wetteiferte geradezu darum, den Begriff der „Seele“ als rückständig erscheinen zu lassen. Friedrich Engels, Fabrikant und Gönner von Karl Marx, sinnierte: „Fragt man, was denn Denken und Bewusstsein sind und woher sie stammen, so findet man, dass es Produkte des menschlichen Hirns [sind]“.

Die Psychologie löste sich Ende des 19. Jahrhunderts aus der Philosophie. Man reihte sie in den Geisteswissenschaften ein (wo sie noch heute zu finden ist). Die ersten Berei­che waren Wahrnehmung, Gedächtnis, Denken, Motivation und Emotion. Im Laufe der Zeit kamen weitere dazu: Entwicklungspsychologie, Sozialpsychologie, Wirtschafts­psychologie usw.

Nur was wir heute „Klinische Psychologie“ nennen, hat seine Wurzeln in der Medizin, Fachbereich Psychiat­rie: in psychiatrischen Kliniken. Psychiatrische Erkrankungen sind per Definition kör­perliche Erkrankungen, z. B. aufgrund neuronaler Degenerationen oder hormoneller Defekte. Die Klinische Psychologie erhielt „erlebnisre­aktive“ Erkran­kungen, d. h. Erkrankungen aufgrund traumatischer Erlebnisse, als ihren Tätigkeits­bereich zugewiesen. - Und so machte sich eine Psychologie ohne „Seele“ und ohne „Geist“ daran, psychische Erkrankungen zu behandeln …

 

Vom Schicksal der Lebenskraft

Eine Forderung der modernen Naturwissenschaften besteht darin, sich ausschließlich mit Dingen zu beschäftigen, die objektiv beobachtbar und messbar sind. – Das ist sicherlich gut so. Doch bedeutet das nicht aus Aus für die Seele?

Leute, die an eine Seele glauben, scheinen sie als eine Art von Nichts anzunehmen - das im Augenblick des Todes den Körper verlässt usw. Ein Nichts kann man aber weder beobachten noch messen; und somit kann es auch kein Gegenstand der Wissenschaft sein.

Es gab allerdings im Laufe der Geschichte eine ganze Reihe herausragender Leute, die so etwas wie ein energetisches Konzept der Seele vertraten. Das älteste uns heute bekannte stammt von Hippokrates, dem Urvater der Medizin, aus dem vierten Jahr­hundert v. Chr. Er war der Ansicht, dass alles Lebendige von einer Art Lebenskraft erfüllt sei. „Physis“ nannte er sie (eigentlich Natur).

Wilhelm Bombast von Hohenstein, besser bekannt als Paracelsus, knüpfte an die Sichtweise des Hippokrates an (wohl ohne es zu wissen). Er sprach vom „Archäus“ als Grundlage aller Lebensvorgänge des Organismus, wobei er einen feinstofflichen Körper im Auge gehabt zu haben scheint.

Ernst Stahl war ein Universalgelehrter des frühen 18. Jahrhunderts. Zentrales Thema seines Hauptwerks ist „die als oberstes Lebensprinzip - nach Art der hippokratischen Physis oder des Hohenheimschen Archäus - aufgefasste ‚Anima’. Sie teilt der toten Materie das Leben mit, sie hält im normalen Körper alle Funktionen im Gleichgewicht und wirkt dem Zerfall entgegen. Dieser und damit der Tod kann daher nur dadurch ein­treten, dass die ‚Anima’ den Körper verlässt“ (Meyer-Steineg & Sudhoff, 1923).

Etwas später betrieb Theophile Bordeu seine Studien auf den Gebieten der Chemie, Physik, Anatomie und anderem. Dabei gelangte er zu der Überzeugung, dass all das Wissen, das er erworben hatte, nicht ausreiche, um eine wirkliche Erklärung für das Phänomen des Lebens herzugeben.

Die beste Grundlage irgendwelcher Erklärungsversuche war für ihn immer noch die hippokratische Physis, französisch „la nature“. Sie äußere sich in jedem Bereich des Körpers auf eigentümliche, dem Bau des betreffenden Organs entsprechende Weise. Ihre beiden grundlegenden Lebensäußerungen seien die der Wahrnehmung und der Bewegung.

Bordeus Schüler Paul Joseph Barthez begründete mit seinem Ende des 18. Jahr­hunderts erschienenen Werk „Nouveaux elements de la science de l’homme“ („Neue Elemente der Wissenschaft vom Menschen“) die vitalistische Lehre der „Schule von Montpel­lier“. Letzter Grund aller Vorgänge im Organismus ist danach das „principe vitale“ („Lebensprinzip“). „Es ist verschieden vom ‚denkenden Geist’, es ist aber mit Bewe­gung und Sensibilität [Wahrnehmung] begabt ... Neben den Äußerungen der Moti­lität [Bewegung] und Sensibilität kommt ihm das Vermögen zu, in allen Körperteilen die Form, Ausdehnung, Lage, Spannung zu bewahren und Störungen hierin wieder auf­zuheben. Auch die Beziehung der einzelnen Teile des Körpers untereinander unter­liegen dem sie beherrschenden Lebensprinzip“ (Meyer-Steineg & Sudhoff, 1923).

Krankheit ist nach Barthez eine Störung im Feld dieser Lebenskraft. Für die Behand­lung folgte daraus, dass es weniger darum ginge, die Krankheit zu heilen, als die Selbst­heilungskräfte des Organismus zu unterstützen.

In Deutschland griff Samuel Hahnemann die Ideen der Schule von Montpellier auf. Er stieß bei sei­ner Lektüre auf die Bemerkung eines Forschers, dass Chinarinde (Rinde des Chinarindenbaums) im gesunden Körper der Malaria ähnliche Symptome hervorbringe. Nachdem er sich in Selbstversuchen davon überzeugt hatte, begann er auch mit anderen Mitteln zu experimentieren. Dabei stellte er fest, dass sich zuerst jeweils eine Ver­schlimmerung des krankhaften Zustands einstellte, bevor sich die eigentliche Heil­wirkung des Mittels entfaltete. Das brachte ihn auf die Idee, die Dosen immer mehr zu verringern. So nahm er zwei Tropfen einer Urtinktur und vermischte sie mit 98 Tropfen Spiritus. Hiervon nahm er einen Tropfen und vermischte ihn mit 99 Tropfen Spiritus. Das wiederholte er bis zu 30-mal. Bei festen Stoffen nahm er Milchzucker. Und siehe da, es funktionierte immer noch.

Hahnemann sah nun den grundsätzlichen Fehler der Medizin darin, dass sie versuche, Krankheiten zu bekämpfen, und so zu einer bestehenden Krankheit eine neue hinzufüge. „Die Krankheit sei in Wirklichkeit eine Art Verstümmelung der Lebenskraft. Wie diese aber zustande komme und worin sie bestehe, sei für den Arzt gleichgültig, da er doch die letzten Ursachen nicht erforschen könne“ (Meyer-Steineg & Sudhoff, 1923). Seine Aufga­be sei es zu heilen: das Mittel einzusetzen, das beim Gesunden die Symptome des Kran­ken hervorbringe. Die erforderliche „Umstimmung der Lebenskraft“, meinte er, könne durch kleine Dosen des Arzneimittels bewirkt werden, da es nicht die Menge der Arznei an sich, sondern die in ihr enthaltene „Dynamis“ (grch. Kraft, Vermögen, Fähig­keit) sei, mit der die Heilwirkung einhergehe. Hahnemann nannte sein Verfahren „Homöopa­thie“ (nach dem grch. „homoiopatheia“, ähnliche Empfindlichkeit), ent­sprechend dem Grundsatz: „Ähnliches soll durch Ähnli­ches geheilt werden!“

Das Konzept der Homöopathie ist also durchaus logisch, bleibt jedoch vage (irgendwie „von hin­ten durch die Brust ins Auge“). Hahne­mann erkannte die Ursache von Krank­heiten sehr gut in einer „Verstümme­lung“ der Lebenskraft, mit anderen Worten, als Resultat einer Krafteinwirkung. Worum genau es dabei ginge, interessierte ihn jedoch nicht, da er ja von vornherein meinte, „die letzten Ursachen“ nicht finden zu können. - Natürlich lag die Ver­mutung, dass es sich dabei um ein Trauma handeln könnte, noch allzu weit außer­halb seiner Realität.

Die Homöopathie führte daher in eine Sackgasse. Erwähnt sei in diesem Zusammen­hang jedoch Wilhelm Heinrich Schüßler, der Ende des 19. Jahrhunderts eine Thera­pie entwi­ckelte, für die er das Dosierungsprinzip der Homöopathie übernahm.

Schüßler meinte, dass Krankheiten durch spezifische Mängel an Salzen verursacht wer­den könnten, die in gelöster Form im Körper vorkommen - was sicherlich ein Faktor des Krankheitsgeschehens ist. Ein Beispiel ist Flusspat, der sich aus den Ele­menten Calcium und Fluor zusammensetzt, wobei ein Mangel zu Bindegewebs­schwä­chen führe. Schüß­ler fand 12 solcher Salze. Seine Nachfolger fügten der Liste weitere hinzu, so dass es heute 26 davon gibt. Sie werden in homöopathischen Dosen verwen­det. Viele schätzen sie als „Schüßler-Salze“.

Die „Lebenskraft“ war bis zum Beginn des 19. Jahrhunderts auch ein Grundbegriff der Chemie. Man nahm an, dass organische Stoffe – wie sie in pflanzlichen und tierischen Körpern vorkommen – nur mit Hilfe der Lebenskraft in Organismen gebildet werden könnten. Deshalb unterschied man organische von anorganischen Stoffen (grch. „a-“, nicht). Die ersten wurden in der Organischen Chemie, die zweiten in der Anorgani­schen Chemie behandelt.

Nun beobachtete man, dass sich ein Stoff, den man als anorganisch betrachtete, bei einer bestimmten Temperatur in einen organischen Stoff zu verwandeln schien. Aus Ammoniumcyanat wurde oberhalb von 60 ºC Harnstoff. Beide Stoffe haben die gleichen Bestandteile, lediglich unterschiedliche Strukturen. Harnstoff wurde jedoch als organi­scher Stoff betrachtet, weil er im Unterschied zu Ammoniumcyanat in Organis­men zu finden ist.

Die künstliche Herstellung eines bis dahin nur von lebenden Organismen bekannten Stoffes war Anlass genug, die Lebenskraft aus der Chemie zu streichen. Man spricht heute immer noch von „Anorganischer Chemie“ und „Organischer Chemie“. Doch ge­meint ist damit die Chemie der Stoffe ohne bzw. mit Kohlenstoff – wobei man bezeich­nenderweise nicht ohne Ausnahmeregelungen auskommt.

Der Fehler, der sich hier eingeschlichen hat, ist wahrscheinlich zu simpel, als dass ihn in der Zwischenzeit nicht auch andere bemerkt hätten. Es geht um den Unterschied zwischen einem chemischen Element und einer Verbindung. Kohlenstoff ist ein chemi­sches Element. Kohlendioxyd ist eine seiner Verbindungen. Kohlenstoff wird einzig und allein in Organismen, in Pflanzen und Tieren, hergestellt. Kohlenstoff-Verbin­dungen entstehen in Organismen, z. B. in Form von Kohlenhydraten, Fetten und Eiweißen. Sie liegen als Überreste von Organismen in Erdöl, Erdgas und Kohle vor. Sie können aber auch künstlich hergestellt werden. So werden heute zahllose „Kunststoffe“ vor allem auf der Basis von Erdöl produziert.

Ammoniumcyanat enthält bereits Kohlenstoff. Es ist also bereits ein organischer Stoff. Deshalb ist es nicht verwunderlich, dass er zu einem weiteren organischen Stoff reagiert. Es war also ein Irrtum, das Konzept der „Lebenskraft“ aufgrund dieser und ähnli­cher Reaktionen aufzugeben. Und dieser Irrtum hat uns sehr effektiv dabei aufge­halten, das Leben zu verstehen.

 

Das zweite System

Die körperlichen Komponenten des visuellen Systems, bestehend aus Augen, Sehner­ven, Sehzentren sowie neuronalen Vernetzungen mit anderen Teilen des Gehirns, bilden einen beeindruckenden Apparat. (Die Entwicklungszeit betrug schließlich an die drei­einhalb Milliarden Jahre.) Doch niemand wird jemals in der Lage sein, damit zu erklären, wie ein Mensch sieht (vgl. Birbaumer & Schmidt, 1991).

Natürlich sieht der Mensch schlecht oder gar nichts, wenn diese Komponenten beschä­digt sind. Doch es ist wie mit dem Entspannungsbad. Natürlich wird der Spaß daran getrübt oder er fällt ganz aus, wenn die Badewanne ein Loch hat oder wenn es einen Rohrbruch irgendwo zwischen den Stadtwerken und dem Anwesen gibt. Doch all die sanitären Komponenten hin oder her, ohne Wasser kein Bad.

Das Gehirn des Menschen ist hoch entwickelt. Es ist das beste, das die Evolution her­vorgebracht hat. Doch auch mit den modernsten neurologisch-apparativen Unter­suchungsmethoden werden Sie keinerlei An­haltspunkte dafür finden, wie es aufgrund irgendwelcher neuronaler Aktivitäten im Gehirn zu Bewusstsein kommen könnte.

Der Hirnstamm in der Tiefe des Gehirns enthält eine Region, die das Bewusstsein zwischen Wachsamkeit und Tiefschlaf reguliert: die zentrale körperliche Komponente. Doch um im Bild zu bleiben: Es ist nicht mehr und nicht weniger als der „Haupthahn“.

Der Mensch hat ein perfektes Gedächtnis. Es enthält alles, was er jemals erlebt hat, in exakt der Form, in der er es erlebt hat. In seinem Gehirn jedoch ist nichts davon zu finden. Alles, was sich diesbezüglich feststellen lässt, sind sogenannte „Bahnungen“. Das heißt, wenn jemand den Klingelton seines Telefons hört oder wenn er sich eine Flasche Bier aufmacht und es ist nicht das erste Telefonat oder das erste Bier, werden jeweils ungefähr dieselben Nervenbahnen aktiviert. Das ist alles.

Einfach gesagt: Gehen Sie an einem Sommermorgen über eine Wiese oder durch den Stadtpark, sehen Sie sich all die Blumen, Sträucher und Bäume an. Schauen Sie zum Himmel und sehen Sie den Wolken zu, die vor dem fernen Blau vorüberziehen. Hören Sie den Vögeln zu, vielleicht auch den Grillen. Nehmen Sie die laue Morgenluft wahr, in der noch der Dunst der Nacht verfliegt. - Meinen Sie wirklich, das alles würde Ihr Gehirn konstruie­ren? Und das in jedem Augenblick, in dem Sie so dastehen? Wie sollte das funktionie­ren?

Die Leute glaubten schon alles Mögliche, bis sie herausfanden, was Sache ist. Sie glaubten, dass teuflische Dämonen ihnen Alpträume schickten und Krankheiten die Strafe Gottes für ein sündiges Leben seien. Manche glauben heute, dass Menschen mit ihrem Gehirn denken.

Die Idee von einem Gehirn, das denkt, kommt natürlich von der Idee eines Menschen, der nur ein Körper ist. Irgendwie müsste dieser Körper ja denken. Doch die Idee, dass der Mensch nur ein Körper ist, beruht auf einer weiteren Idee dieser Art. Der Mensch steht ganz am Ende der Evolution des Lebens. Doch ganz am Anfang müssten dann irgendwelche Moleküle das Phänomen des Lebens hervorgebracht haben. Es ist dieser „magische Moment“, der so oft von Experten angeführt und nie erklärt worden ist – weil er ist, was wir in der Statistik ein „unmögliches Ereignis“ nennen.

Die Seele ist für den externen Beobachter unsichtbar. Er sieht nur den Körper. Doch wie schon die alten Griechen sagten: „Erkenne dich selbst (und du erkennst die Welt)!“. Man selbst ist immer auch der interne Beobachter. Als der sieht man immer, dass es in Wirklichkeit zwei Systeme sind, die den Organismus ausmachen. Es kommt nur darauf an zu verstehen, was man die ganze Zeit sieht.

 

Apropos Messbarkeit

Der russische Forscher Iwan Tarchanoff veröffentlichte 1890 eine Abhandlung über Zusammenhänge zwischen psychischen Vorgängen und elektrischem Hautwiderstand. Danach würden alle emotionale Regungen, Wahrnehmungen und Gedanken mit Ver­änderungen des Hautwiderstands der Person einhergehen.

Kurze Zeit später gingen in der Schweiz der Elektroingenieur E. K. Müller und der Neu­rologe Otto Veraguth dem Phänomen nach, wobei sie ein sogenanntes Galvano­meter verwendeten (ein Gerät zur Messung sehr kleiner elektrischer Ströme, benannt nach dem italienischen Arzt Luigi Galvano).

Man legte die Spannung einer 2-Volt-Batterie an der Versuchsperson an. Der Strom­kreis wurde durch zwei Handelektroden geschlossen (zwei Metallzylinder, die die Versuchsperson in Händen hielt). Weitere Komponenten wurden in den Stromkreis einge­bracht, darunter das Galvanometer, einschließlich Spannungs­regler. Mit letzterem konn­te die Spannung so eingestellt werden, dass der Widerstand, den die Versuchs­person dem Stromfluss entgegensetzte, einen gewünschten Ausgangs­wert aufwies, der als mitt­lerer Wert auf der damit verbunden Skala angezeigt wurde. Links davon lagen niedrige­re, rechts davon höhere Widerstandswerte. Sobald sich die Anzeige auf den Ausgangs­wert eingependelt hatte, konnte der Versuch begin­nen.

Carl Gustav Jung war währenddessen mit Assoziations-Experimenten an der Züricher Universitätsklinik („Burghölzli“) beschäftigt. Er verwendete dazu eine Liste von 100 ausgewählten Wörtern (1. Kopf, 2. grün, 3. Wasser usw.). Er rief der Versuchsperson jeweils ein Wort zu, und sie hatte die Aufgabe, so schnell wie möglich mit dem nächst­besten Wort zu antworten, das ihr dazu einfiel.

Jung hatte bereits gelernt, dass verschiedene Reaktionen der Versuchsperson auf pro­blematische, gefühlsbeladene Themen („Komplexe“ nannte er sie) hinwiesen. (Sol­che Komplexe waren bei Männern z. B. „Geld“ und „Ehrgeiz“, bei Frauen „Familie“ und „Schwangerschaft“.) Die wichtigste dieser Reaktionen war die verlängerte Reaktions­zeit. Das heißt, die Versuchsperson brauchte auffällig lange, um eine Antwort zu finden. Die zweitwichtigste Reaktion war die mangelnde Erinnerung. Das heißt, die Versuchs­person konnte sich nach dem Assoziationsexperiment nicht mehr an ihre Antwort erinnern.

Angeregt durch Veraguth, bezog Jung das „psychogalvanische Phänomen“ in seine Stu­dien ein. Dabei beobachtete er, dass verzögerte und/oder anderweitig auffällige Reakti­onen stets mit einem verlängerten Galvanometerausschlag einhergingen. Die erste Mit­teilung darüber erschien 1907.

Jung war zu dieser Zeit Oberarzt am „Burghölzli“. Einer seiner Doktoranden, Ludwig Binswanger, schrieb 1908 seine Doktorarbeit „Über das Verhalten des psychogalvani­schen Phänomens beim Assoziationsexperiment“. Er bestätigte die Beobachtung, dass der auffällig lange Galvanometerausschlag immer auf einen Komplex hinwies; und er betonte die entscheidende Rolle der mit dem Komplex verbundenen Affekte („Emo­tionen“ würden wir heute sagen) für das Zustandekommen der psychogalvanischen Reaktion.

Das psychogalvanische Phänomen wurde jedoch in der „Züricher Schule“ nicht weiter verfolgt. Zum einen war das Galvanometer sehr schwer zu bedienen. Die Anzeigen waren sehr klein; und die Hände der Versuchsperson mussten mit kleinen Sandsäcken be­schwert werden, so dass Bewegungen nicht allzu störten. Zum anderen brachte es die Analyse nicht entscheidend weiter. Man konnte zwar die drängenden Probleme der Leute isolieren, aber man war nicht in der Lage, sie zu beheben.

Die Analyse, nach welcher Schule auch immer sie betrieben wurde, war stets von dem Gedanken geleitet, das Innenleben des Patienten zu ergründen und ihm dann mitzu­teilen, was man über ihn herausgefunden hätte. Selbst Jung konnte sich noch nicht darüber erheben. Die Idee, die Person mit ihrem mentalen Equipment vertraut zu machen und sie anzuleiten, es in Ordnung zu bringen, gehörte noch in eine ferne Zukunft. Heute haben wir die Com­puter-Allegorie für den Verstand; und wir tun uns leichter zu verste­hen, dass letztlich nur die Person selber all die defekten „Dateien“, fehlerhaften „Ein­stellungen“, verque­ren „Verknüpfungen“ usw. ausfindig machen und korrigieren kann.

Jung führte auch einige Experimente zusammen mit Frederick Peterson durch. Letzte­rer brachte das Galvanometer in die USA, wo die Entwicklung aber eine ganz andere Richtung nahm. William Marston und John Larson bauten unabhängig von einander ein Gerät, in dem sie die einzelnen Komponenten zusammenfassten. Sie präsentierten ihre Erfin­dung als Hilfsmittel zu Erforschung seiner Gedanken und Gefühle und erreg­ten damit in den 1920-er Jahren großes Aufsehen. Sobald es tragbare Geräte mit Röhrenver­stärker gab, fanden auch Polizisten Interesse daran. Sie verwendeten sie als „Lügende­tektoren“. Und als solches finden sie noch heute in einer ganzen Reihe von Län­dern Verwendung (sicherlich eine Art Kaffeesatzleserei).

In den 40-er Jahren experimentierte Volney Mathison, ein Radiobauer und passio­nierter Psychoanalytiker, mit solchen „Lügendetektoren“. Er baute seine eigene Ver­sion und nannte sie „Electroencephaloneuromentimograph“, „Electropsychometer“ oder einfach „E-Meter“. Als es Transistoren zu erschwinglichen Preise gab, verwendete er Transis­toren anstelle der bisherigen Röhrenverstärker. Mathison verkaufte sein „E-Meter“ zusammen mit Tonbändern und Büchern. Die Idee war, dass sich die Leute auf diese Weise Zugang zu den verborgeneren Inhalten ihres Verstandes verschaffen und sich davon befreien könnten.

Es war um 1950, als Mathison auf L. Ron Hubbard, den späteren Begründer der Scien­tology (der „Wissenschaft vom Wissen“), traf. Mathison war begeistert von Hubbards anfänglichen Ideen, und Hubbard fand Gefallen an Mathisons E-Meter. Die Wege der beiden trennten sich zwar bald wie­der, doch die Scientologen bauten das E-Meter ein paar Jahre später nach und benützten es für ihre Zwecke – und damit war sein Ruf allem Anschein nach ein für allemal dahin.

Das Psychogalvanometer – oder wie immer man es nennen will – war jedoch von je­her umstritten, weil niemand wusste, was es eigentlich anzeigt. Man konnte Verände­rungen des Hautwiderstands damit messen. Doch wodurch wurden diese Veränderun­gen be­wirkt?

Widerstand und elektrische Leitfähigkeit eines Stoffs stehen im umgekehrten Verhältnis zueinan­der. Je geringer der Widerstand, desto höher die Leitfähigkeit. Je geringer die Leitfähig­keit, desto höher der Widerstand.

Schweiß enthält eine Menge gelöster Salze, vor allem Kochsalz. Sie wirken als Elektro­lyte (aus „Elektro-“, Wortbildungselement mit der Bedeutung „Elektrizität“ + grch. „ly­ein“, lösen: den elektrischen Strom leitende und sich dadurch zersetzende Lö­sun­gen). Verschwitzte Hände (die in direktem Kontakt mit den Elektroden stehen), bewir­ken daher eine erhöhte Leitfähigkeit/einen verringerten Widerstand der Haut. Trockene Hände führen umgekehrt zu einer verringerten Leitfähigkeit/einem erhöhten Wider­stand.

Sollte die Person, die die Elektroden in den Händen hält, im Laufe der Befragung, des Interviews oder was auch immer feuchte Hände bekommen, so würde ihr Hautwider­stand allmählich sinken. Die Tätigkeit der Schweißdrüsen ist also das Nächstliegende, was sich auf Hautwiderstand auswirken kann. Offensichtlich wurde sie des­halb am häu­figsten verwendet, um das psychogalvanische Phänomen zu erklären.

Zum einen jedoch ist das psychogalvanische Phänomen, wie es von Jung, Binswanger und anderen beobachtet wurde, keine Abfallen, sondern eine Zunahme des Hautwider­stands. Zum anderen ist es keine allmähliche, sondern eine abrupte Veränderung. Ein Galva­nometerausschlag ist eine abrupte Bewegung der Nadel nach rechts. – Das psy­chogalvanische Phänomen oder der Galvanometerausschlag haben also nicht das geringste mit einer erhöhten Schweißdrüsentätigkeit zu tun.

Ein neuerer Versuch, Veränderungen des Hautwiderstands zu erklären, geht von Teilen des motorischen Nervensystems aus (motorisch: vom lat. „motor“, Beweger; zu „move­re“, bewegen). Das motorische Nervensystem lässt sich in zwei Teile einteilen: das will­kürliche und das unwillkürliche. Der willkürliche Teil steht im Dienste der be­wuss­ten, willkürlichen Kontrolle der Skelettmuskulatur. Der unwillkürliche Teil hat mit unbe­wussten, automatischen Reaktionen zu tun, die zur Kontraktion der Muskulatur inne­rer Organe und Drüsen führen.

Es sind diese Reaktionen des unwillkürlichen motorischen Nervensystems, die für Ver­änderungen des Hautwiderstands verantwortlich gemacht werden. - Doch wie genau dadurch Widerstandsveränderungen in welcher Richtung bewirkt werden sollen, bleibt offen.

Ein einfaches Experiment kann aber zeigen, wo die Lösung liegt. Nehmen wir an, wir sind vollständig ausgeschlafen und gesättigt. Wir schalten das Galvanometer ein, nehmen die Elektroden auf und stellen die Nadel mit dem Spannungsregler in die Mitte der Skala. Wenn wir nun tief einatmen, werden wir sehen, wie die Nadel weit nach rechts schwingt, noch während wir ausatmen, um dann allmählich zum Ausgangspunkt zurückzukehren.

Der tiefe Atemzug hat den Stoffwechsel maximiert. Einen Augenblick lang ist in den Zellen deutlich mehr an Energie produziert worden als sonst. Es ist diese Energie, die das Feld des Organismus aufrechterhält. Ein Teil davon reichert sich in „Adenosin­triphosphat“ (ATP) an: dem Energieträger des Körpers. Ein anderer Teil wird frei.

Energie ist immer eine Mischung aus Geschwindigkeit und Masse. Im Falle eines Autos, das die Straße entlang fährt, ist die Masse relativ groß, die Geschwindigkeit klein. Im Falle eines Lichtstrahls ist die Masse relativ klein, die Geschwindigkeit groß. Eine verhältnismäßig starke Aufladung des organismischen Feldes bedeutet daher auch ver­hältnismäßig viel Masse darin. Und diese Masse wird bei unserem Stoffwechsel-­Experiment in den Stromkreis gezogen. Daher die plötzliche, kurze Erhöhung des Wider­stands des oberflächli­chen Gewebes.

Emotionen sind umso massiver, je schmerzhafter/negativer sie sind. Feinseligkeit, Groll, Wut, Angst, Trauer sind sehr massive Emotionen. Erinnerungsbilder, die solche Emoti­onen enthalten, sind deshalb massiver als andere. Wenn die Person sich daran erinnert, steigt ihr Hautwiderstand sprunghaft an. Und wenn sie gerade die Elektroden eines Psy­chogal­vanometers in den Händen hält, wird die Nadel einen Satz nach rechts machen. - Das ist der Grund, weshalb Jung Missemotionen als die entscheidenden Bestandteile seiner Kom­plexe fand und weshalb er Galvanometerausschläge erhielt, wenn er einen aufgespürt hatte.

Das Psychogalvanometer zeigt also keine Lügen an und keine früheren Leben. Es zeigt weder an, was wahr ist, noch was falsch ist. Es zeigt nicht mehr und nicht weniger an als Masse; und wenn die Nadel abrupt nach rechts fällt, wird es die Masse von Misse­motionen sein. Deshalb kann das Gerät hilfreich sein, um die Erlebnisse zu finden, die der Person das Leben schwer machen. Und wenn man auch weiß, wie man zweckmäßi­gerweise damit verfah­ren könnte - umso besser.

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Die Seele ist der Raum des Lebewesens: sein Zuhause. Sie steht in Wechselwirkungen mit ihrer Umgebung, die bsw. Licht, Wärme, Luft und Nahrung beinhaltet. Auf diese Weise kreiert und erhält sie den Körper. Die Seele bezieht ihren Treibstoff (ihre „Le­benskraft“) aus dem körperli­chen Stoffwechsel; und sie verwendet ihn, um den Körper zu erhalten. Sie verlässt den Körper, wenn seine Stoff­wechseltätigkeit erschöpft ist.

Darüber hinaus nutzt sie besag­ten Treibstoff, um ihre Umgebung wahrzu­nehmen und ihren Körper zu empfinden. Wahrnehmungen und Empfindungen bauen ihren Verstand auf: ihren „Per­sonal Computer“. Hier findet ihr Denken statt, das mit Bewegung und Fortbewe­gung ver­knüpft ist.

Der „innere Beobachter“ kann die Seele als Bewusstsein erleben: das Erlebnis zu sein. Er kann es in zwei Dimensionen erleben: der quantitativen und der qualitativen. Die quantitative Dimension pendelt zwischen Wach- und Schlafbewusstsein. Die qualitative Dimension reicht von den positiven Emotionen des Glücklichseins bis zu den negativen Emotionen des nahen Todes: von Überschwang über Freude, Interesse, Langeweile, Abneigung, Feindseligkeit, Wut, Groll, Heimtücke, Angst, Trauer bis hin zu Niederge­schlagenheit und Apathie (vom grch. „a.“, nicht, kein + „pathos“, Leidenschaft: Leiden: „Emotionslosigkeit“).

Er kann sein Bewusstsein ebenso in Form seiner Bewusstseinsinhalte erleben: seiner Wahr­nehmun­gen (Sehen, Hören), Empfindungen (Riechen, Schmecken, Spüren, Hitze, Kälte usw.) und Gedanken. Das Bewusstsein ist der Hintergrund, die Bewusstseins­inhalte die Objekte davor; das Bewusstsein ist das Gefäß, die Bewusstseinsinhalte, was darin zu finden ist.

Bewusstsein und Bewusstseinsinhalte sind gewöhnlich eng miteinander verknüpft. Man freut sich, zu Hause zu sein; man ist wütend über das kaputte Auto; man hat Angst vor dem Hund. Die Freude, die Wut und die Angst sind Emotionen. Das Zuhause, das kaputte Auto und der Hund sind Wahrnehmungen. Hunger und Durst, Hitze und Kälte, die Bewegung des Körpers bei den Versuchen, dem blutrünstigen Hund zu entkommen, und der Körper selbst sind Empfindungen.

Es gibt keine Bewusstseinsinhalte ohne Bewusstsein. Doch es kann Bewusstsein ohne Bewusstseinsinhalte geben. Das Bewusstsein des Bewusstseins selbst ist Ausgangs­punkt vieler östlicher Praktiken; es ist, was wir „Präsenz“ nennen.

Der Zweck mentaler Technologie besteht darin, die Selbsterkenntnis des „inneren Beob­achters“ zu ermöglichen. Positive Emotionen sind im Grunde die einzige Voraus­setzung. – Solange jemand in negativen Gefühlen festsitzt, an anderen herumkrittelt, über das Wetter schimpft und herumkränkelt, wird es keinen Sinn haben, dass er sich mit seinem Verstand auseinandersetzt.

Leonardo da Vinci: Der Mensch nach Marcus Vitruvius Pollio.

Web-Links

Jung, C. G. Gesammelte Werke und andere Schriften - www.cgjung.de

Der heisse Stuhl | Lügen | August 2006 | NZZ Folio

Literatur

Birbaumer, N. & Schmidt, R. F. (1991). Biologische Psychologie. Berlin, Heidelberg, New York: Springer, 2. Aufl.

Bleuler, E. (1983). Lehrbuch der Psychiatrie. Berlin, Heidelberg, New York: Springer, 15. Aufl.

Meier, C. A. (1994). Die Empirie des Unbewussten. Einsiedeln: Daimon.

Meyer-Steineg, Th. & Sudhoff, K. (1923). Geschichte der Medizin. Jena: Gustav Fischer, 2. Aufl.

Schneewind, K.A. (1992). Persönlichkeitstheorien I. Alltagspsychologie und mechanis­tische Ansätze. Darmstadt: Wissenschaftliche Buchgesellschaft, 2. Aufl.

Weischedel, W. (1999). Die philosophische Hintertreppe. Die großen Philosophen in Alltag

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