Hintergründe

Die moderne Psychologie ist zu den Annahme gelangt, dass die Seele „aus metho­dischen Grün­den“ kein Gegenstand wissenschaftlicher Betrachtung sein kann. Und der moderne Mensch meint, dass er mit seinem Gehirn denkt. Unsinn dieser Art kommt natürlich nicht von ungefähr. Das ganze hat eine Vorgeschichte.

 

Der lange Schlaf der Philosophie

Der Mensch ist im Grunde schlecht. Er ist mit der „Erbsünde“ geboren: der Sünde seiner Urahnen, die darin bestand, von den verbotenen Früchten des „Baums der Erkenntnis“ gegessen zu haben. Des­halb ist er überhaupt da; und deshalb sollte er seine Tage damit verbringen, Buße zu tun. Das war die Ansicht des Paulus von Tarsus dazu; und sie wurde zu einer zentralen Bot­schaft der christlichen Kirche – sicherlich kein Anreiz, seine Seele zu erkunden.

Die „Sündhaftigkeit“ des Menschen warf allerdings die Frage auf, weshalb die Menschen allezeit für ein vermeintliches Vergehen ihrer Vorfahren büßen sollten. Auch Aurelius Augus­tinus fand keine Antwort darauf, doch die Frage erledigte sich für ihn mit der Annahme, dass das Schicksal des Menschen von vornherein im unergründlichen Rat­schluss Gottes vorherbestimmt sei. So wurde natürlich auch jegliche Erkenntnis „gott­gegeben“ – und so wurde es auch sinnlos, sich überhaupt um irgendwelche Erkennt­nisse zu bemühen.

Augustinus war tausend Jahre lang die Autorität der christlichen Kirche, und die christ­liche Kirche war eineinhalb Jahrtausende lang die Autorität des Abendlands. Erst als ihre Macht schwand, konnte die Philosophie „aus ihrem Dornröschen-schlaf erwachen“ (Schneewind). Die Re­naissance (frz. Wiedergeburt) war die Wiedergeburt des Men­schen zu seiner Erkenntnisfähigkeit.

Doch die Philosophie (vom grch. „philos“, Freund + „sophia“, Weisheit: „die Freund­schaft zur Weis­heit“) hatte sich während ihres langen Schlafs verändert. Sie hatte ihre Fröhlichkeit verloren und war ängstlich und besorgt geworden. Sie hatte die christlichen Vorstellungen übernommen, wonach der Mensch wie alles Leben und alles Existierende von einem allmächtigen und allgegenwärtigen Gott geschaffen worden sei. Sie hatte die Ängste übernommen, wonach der Mensch ganz und gar vom Wohlwollen seines gestrengen Schöpfers abhängig sei. So beschäftigten sich Philosophen noch lange Zeit mit merkwürdigen „Gottesbewei-sen“.

René Descartes wollte sich nicht damit abfinden. Doch er war von Selbstzweifeln geplagt, bis er schließlich Trost in der Erkenntnis fand: „Ich denke, also bin ich.“ Er schloss aus seiner Fähigkeit zu denken (und damit zu Erkenntnissen zu gelan-gen) auf seine eigenständige Existenz.

Die Philosophie hatte jedoch noch etwas anderes verloren. Nach der griechischen Mythologie war es Prometheus, der den Menschen geschaffen hat: „Er feuchtete Lehm an, knete­te ihn und bildete daraus des Menschen Leib, den er nach dem Ebenbild der Götter formte. Dann nahm er von den Seelen der verschiedenen Tiere Eigenschaf­ten, gute und böse, und verschloss sie in des Menschen Brust. Also beseelte er seine Geschöpfe. Die Himmlischen bewunderten sein Tun, und Pallas Athene, die aus dem Haupte des Zeus entsprungene hehre Jungfrau, blies den neugeschaffenen Gebilden einen Hauch des göttlichen Geistes ein. Dadurch wurde der Mensch das vollkommenste Wesen auf Erden“ (Niederhäuser). Das Menschenbild der Griechen hatte also drei Teile: Körper, Seele und Geist. Tiere und Menschen hatten eine Seele. Nur der Mensch war auch ein geistiges Wesen. Das Menschenbild der Christen jedoch kannte nur Körper und Seele. So war der Geist der wiedererwachten Philosophie ebenso abhanden gekom­men wie ihre Fröhlichkeit.

Dieses Menschenbild, bestehend aus zwei Teilen, zog sich fortan durch alle philo­sophischen Denkgebäude wie ein roter Faden. Manchmal nannte man das Nicht-körper­liche „Seele“ und manchmal „Geist“. Thomas von Aquin wies den Pflan-zen eine „vege­tative Seele“, den Tieren eine „animalische Seele“ und den Menschen eine „geistige Seele“ zu. Nun fehlte ihm natürlich der „Geist“ als der entscheidende Unterschied. Also schloss er, dass die Seelen der Pflanzen und Tieren mit ihrem Tod vergehen würden und nur die Seele des Menschen unsterb-lich sei.

Descartes vereinfachte die Sache. Wozu brauchte man eine Seele, die mit ihrem Körper zugrunde ginge? Also betrachtete er nur den Menschen als „beseelt“ – was ihn dazu führte, sich mit grausamen Tierversuchen zu beschäftigen.

Die Philosophie erholte sich im 18. und 19. Jahrhundert. Es war die Blütezeit der deut­schen Philosophie. Nun sah man die physikalische Welt als Aus­druck einer höheren, „geistigen“ Welt; und man betrachtete den Menschen als „Geist“, Teil eines allumfas­senden „göttlichen Geistes“ (der nichts mehr mit dem Gott des Alten Testaments zu tun hatte).

Aus der Philosophie gingen die Wissenschaften hervor. Es waren die Geisteswissen­schaften und die Naturwissenschaften. In den Geisteswissen-schaften spielte der Mensch als solcher aber keine Rolle mehr. Es ging stattdessen um seine Kreationen: Logik und Mathematik und deren Anwendungen vor allem in den Rechts-, Wirtschafts- und Sprachwissen­schaften.

In den Naturwissenschaften wurde die Welt um uns herum erforscht: die Natur - zunächst die unbelebte Natur in der Astronomie, Physik und Chemie, dann auch die belebte Natur in der Biologie und Medizin. Ein mächtiges Hindernis für die Biologie war lange Zeit die Lehre von der „Konstanz der Arten“. Sie besagte, in Übereinstim­mung mit der biblischen Schöpfungsgeschichte, dass alle Lebewesen seit jeher als solche existiert hätten.

Jean Baptiste de Lamarck meldete schon im 18. Jahrhundert Bedenken an. Er glaubte in den Bauplänen von Organismen ihre Stammesentwicklung zu erken-nen. Doch er konnte sich noch nicht gegen das kirchliche Dogma durchsetzen. Das gelang erst hundert Jahre später Charles Darwin mit seiner Evolutions-theorie, womit er der Bio­logie die Tür zur Wissenschaft öffnete.

Es war insbesondere die Medizin, die unter dem kirchlichen Dogma zu leiden gehabt hatte. 1500 Jahre lang war es ihr verboten gewesen, Leichen zu öffnen - um die Aufer­stehung der Toten am Jüngsten Tag nicht zu gefährden. Grundlage der mittelalterlichen Heilkunde waren die Schriften des Galenos aus dem zweiten Jahrhundert n. Chr. gewesen. Als sich Andreas Vesalius den menschlichen Körper genauer ansah, stellte er fest, dass die Ana­tomie des Gale­nos die eines Affen war.

Bedeutsame Fortschritte erzielte man jedoch erst im 19. Jahrhundert. Biologen hatten die tierische Zelle entdeckt und ihre Bedeutung für die Lebensvorgänge des Organismus erkannt. Also machten sich Mediziner daran, Krankheitsprozesse bis in die Zellen des menschlichen Organismus zu verfolgen. Rudolf Virchow erkannte Krankheiten als „Veränderungen von Zellen oder Zellaggregaten (Organen)“.

Nun tauchte die Frage auf, was denn die Ursache dieser Zellveränderungen sein könnte. Jacob Henle publizierte eine Theorie, nach der zahlreiche Krankheiten durch mikrosko­pisch kleine Lebewesen verursacht würden. Louis Pasteur fand heraus, dass sich solche Lebewesen über ihre „Keime“ fortpflanzen (und nicht aus Schlamm entstehen) und dass man „Keimfreiheit“ erreichen kann, wenn man sie durch Kochen abtötet. Es war Robert Koch, der bestimmte Bakterien als Erreger von Infektionskrankheiten nachwies und maßgeblich an der Einführung der Impfung beteiligt war. Der entscheidende Fortschritt jedoch war allem Anschein nach die Verbreitung der neuzeitlichen Hygiene, die insbesondere das Verdienst von Max von Pettenkofer ist.

Die Befreiung von den Infektionskrankheiten, die das Leben so viel sicherer und besser gemacht hatte, war natürlich auf die neue Wissenschaftlichkeit zurückzu-führen. Also warf man auch alles restliche Gedankengut über Bord, das in irgendeiner Weise den Anschein von Spekulation aufwies. Und darunter fiel natürlich die „Seele“ ebenso wie der „Geist“.

Carl von Rokitansky, ein bekannter Wiener Arzt, formulierte seinen Zeitgeist in bemer­kenswert widersinniger Weise. „Also, ich hab’ schon 80.000 Leichen seziert“, meinte er, „aber Seele hab’ ich noch keine gesehen.“ Man wetteiferte geradezu darum, den Begriff der „Seele“ als rückständig erscheinen zu lassen. Friedrich Engels, Fabrikant und Gönner von Karl Marx, sinnierte: „Fragt man, was denn Denken und Bewusstsein sind und woher sie stammen, so findet man, dass es Produkte des menschlichen Hirns <sind>.“ Damit war man bei einem Menschenbild angekommen, das nur noch aus einem einzigen Teil besteht: dem Körper.

Die Psychologie löste sich Ende des 19. Jahrhunderts aus der Philosophie. Man reihte sie in die Geisteswissenschaften ein (wo sie noch heute zu finden ist). Die ersten Berei­che waren Wahrnehmung, Gedächtnis, Denken, Motivation und Emotion. Im Laufe der Zeit kamen weitere dazu: Entwicklungspsychologie, Sozial-psychologie, Wirtschafts­psychologie, Biologische Psychologie usw. Nur was wir heute „Klinische Psychologie“ nennen, hat seine Wurzeln in der Medizin, Fachbereich Psychiat­rie: in psychiatrischen Kliniken (daher die Bezeich­nung).

Psychia­trische Erkrankungen sind per Definition kör­perliche Erkrankungen, z. B. aufgrund von neuronaler Degeneration, hormonellen Störungen oder Gendefek-ten. Es sind in erster Linie Erkrankungen des Gehirns oder Zentralen Nervensystems. (Ein altes Wort für den Psychiater ist daher der „Nervenarzt“, für die Psychiatrische Klinik die „Nervenklinik“.) Die Klinische Psy­chologie erhielt „erlebnisre­aktive“ Erkran­kungen, das heißt Erkran­kungen infolge trau­matischer Erlebnisse, als Tätigkeits­bereich zugewie­sen. Und so machte sich eine Psy­chologie ohne „Seele“ und ohne „Geist“ daran, psychi­sche Erkran­kungen zu behandeln. Das konnte nicht gut gehen.

 

Vom Schicksal der Lebenskraft

Eine Forderung der modernen Naturwissenschaften besteht darin, sich aus-schließlich mit Dingen zu beschäftigen, die objektiv beobachtbar und messbar sind. Das ist sicherlich gut so. Doch bedeutet das nicht das Aus für die Seele?

Leute, die an eine Seele glauben, scheinen sie meist als eine Art von Nichts anzu­nehmen, das im Augenblick des Todes den Körper verlässt usw. Ein Nichts kann man aber weder beobachten noch messen; und somit kann es auch kein Gegenstand der Wis­senschaft sein.

Es gab jedoch im Laufe der Zeit eine ganze Reihe kluger Leute, die so etwas wie ein energetisches Konzept der Seele vertraten. Das älteste uns heute bekannte stammt von Hippokrates, dem Urvater der Medizin, aus dem vierten Jahr­hundert v. Chr. Er war der Ansicht, dass alles Lebendige von einer Lebenskraft erfüllt sei. „Physis“ nannte er sie (eigentlich Natur).

Wilhelm Bombast von Hohenstein, besser bekannt als Paracelsus, knüpfte an die Sichtweise des Hippokrates an (wohl ohne es zu wissen). Er sprach vom „Archäus“ als Grundlage aller Lebensvorgänge des Organismus, wobei er eine Art „feinstofflichen“ Körper im Auge gehabt zu haben scheint.

Ernst Stahl war ein Universalgelehrter des frühen 18. Jahrhunderts. Zentrales Thema seines Hauptwerks ist „die als oberstes Lebensprinzip - nach Art der hippokratischen Physis oder des Hohenheimschen Archäus - aufgefasste ‚Anima’ <lat. Seele>. Sie teilt der toten Materie das Leben mit, sie hält im normalen Körper alle Funktionen im Gleichgewicht und wirkt dem Zerfall entgegen. Dieser und damit der Tod kann daher nur dadurch ein­treten, dass die ‚Anima’ den Körper verlässt“ (Meyer-Steineg & Sud­hoff).

Etwas später betrieb Theophile Bordeu seine Studien auf den Gebieten der Chemie, Physik, Anatomie und anderem. Dabei gelangte er zu der Überzeugung, dass all das Wissen, das er erworben hatte, nicht ausreiche, um eine wirkliche Erklärung für das Phänomen des Lebens herzugeben. Die beste Grundlage irgendwelcher Erklärungs­versuche war für ihn immer noch die hippokratische Physis, französisch „La nature“. Sie äußere sich in jedem Bereich des Körpers auf eigentümliche, dem Bau des betref­fenden Organs entsprechende Weise. Ihre beiden grundlegenden Lebensäußerungen seien die der Wahrnehmung und der Bewegung.

Bordeus Schüler Paul Joseph Barthez begründete mit seinem Ende des 18. Jahr­hunderts erschienenen Werk „Nouveaux elements de la science de l’homme“ (Neue Elemente der Wissenschaft vom Menschen) die vitalistische Lehre der „Schule von Montpel­lier“. Letzter Grund aller Vorgänge im Organismus ist danach das „Principe vitale“ (Lebensprinzip). „Es ist verschieden vom ‚denkenden Geist’, es ist aber mit Bewe­gung und Sensibilität <Wahrnehmung> begabt ... Neben den Äußerungen der Moti­lität <Bewegung> und Sensibilität kommt ihm das Vermögen zu, in allen Körper­teilen die Form, Ausdehnung, Lage, Spannung zu bewahren und Störungen hierin wieder auf­zuheben. Auch die Beziehung der einzelnen Teile des Körpers untereinander unter­liegen dem sie beherrschenden Lebensprinzip“ (Meyer-Steineg & Sudhoff). Krankheit ist nach Barthez eine Störung im Feld dieser Lebenskraft. Für die Behand­lung folgte daraus, dass es weniger darum ginge, die Krankheit zu heilen, als die Selbst­heilungskräfte des Organismus zu unterstützen.

In Deutschland griff Samuel Hahnemann die Ideen der Schule von Montpellier auf. Er stieß bei sei­ner Lektüre auf die Bemerkung eines Forschers, dass Chinarinde (Rinde des Chinarindenbaums) im gesunden Körper der Malaria ähnliche Symptome hervorbringe. Nachdem er sich in Selbstversuchen davon überzeugt hatte, begann er auch mit anderen Mitteln zu experimentieren. Dabei stellte er fest, dass sich bei der Behandlung eines krankhaften Zustand zuerst eine Verschlim­merung einstellte, bevor sich die eigentliche Heil­wirkung des Mittels entfaltete. Das brachte ihn auf die Idee, die Dosen immer mehr zu verringern. So nahm er zwei Tropfen einer Urtinktur und vermischte sie mit 98 Tropfen Spiritus. Hiervon nahm er einen Tropfen und vermischte ihn mit 99 Tropfen Spiritus. Das wiederholte er bis zu 30-mal. Bei festen Stoffen nahm er Milch­zucker. Und siehe da, es funktionierte immer noch.

Hahnemann sah nun den grundsätzlichen Fehler der Medizin darin, dass sie versuche, Krankheiten zu bekämpfen, und so zu einer bestehenden Krankheit eine neue hinzufüge. „Die Krankheit sei in Wirklichkeit eine Art Verstümmelung der Lebenskraft. Wie diese aber zustande komme und worin sie bestehe, sei für den Arzt gleichgültig, da er doch die letzten Ursachen nicht erforschen könne“ (Meyer-Steineg & Sudhoff). Seine Aufga­be sei es zu heilen: das Mittel einzusetzen, das beim Gesunden die Symptome des Kran­ken hervorbringe. Die erforderliche „Umstimmung der Lebenskraft“, meinte er, könne durch kleine Dosen des Arzneimittels bewirkt werden, da es nicht die Menge der Arznei an sich, sondern die in ihr enthaltene „Dynamis“ (grch. Kraft, Vermögen, Fähig­keit) sei, mit der die Heilwirkung einhergehe. Hahnemann nannte sein Verfahren „Homöopa­thie“ (nach dem grch. „homoiopatheia“, ähnliche Empfindlichkeit), ent­sprechend dem Grundsatz: „Ähnliches soll durch Ähnli­ches geheilt werden!“

Das Konzept der Homöopathie wurde jedoch nicht weiter­verfolgt. Eine Ausnahme war Wilhelm Heinrich Schüßler, der Ende des 19. Jahr­hunderts eine Thera­pie entwi­ckelte, für die er das Dosierungsprinzip der Homöopathie übernahm. Schüßler meinte, dass Krankheiten durch spezifische Mängel an Salzen verursacht wer­den könnten, die in gelöster Form im Körper vorkommen - was sicherlich ein Faktor des Krankheitsgesche­hens ist. Ein Beispiel ist Flusspat (aus den Ele­menten Calcium und Fluor zusammen­gesetzt), wobei ein Mangel zu Bindegewebs­schwä­chen führe. Schüß­ler fand 12 solcher Salze. Seine Nachfolger fügten der Liste weitere hinzu, so dass es heute 26 davon gibt. Sie werden in homöopathischen Dosen verwen­det. Viele schätzen sie als „Schüßler-Salze“.

Die „Lebenskraft“ war bis zum Beginn des 19. Jahrhunderts auch ein Grundbegriff der Chemie. Man nahm an, dass organische Stoffe – wie sie in pflanzlichen und tierischen Körpern vorkommen – nur mit Hilfe der „Lebenskraft“ in Organismen gebildet werden könnten. Deshalb unterschied man organische von anorga-nischen Stoffen (grch. „a-“, nicht, kein). Die ersten wurden in der Organischen Chemie, die zweiten in der Anorgani­schen Chemie behandelt.

Grundlegend dazu ist der Kohlenstoff-Kreislauf. Kohlenstoff kommt in Verbindung mit Sauerstoff in Form von Kohlendioxid in der Atmosphäre vor. (Kohlendioxid macht aber nur bemerkenswerte 0,04 % davon aus.) Pflanzen nehmen Kohlen-dioxid aus der Luft und Wasser aus dem Boden auf und stellen mit Hilfe von Sonnenenergie Kohlenhydrate daraus her, wobei sie Sauerstoff an die Luft abgeben.

Das erste Kohlenhydrat ist Traubenzucker (Glucose). Traubenzucker wird zu Mehrfach- und Vielfachzucker, insbesondere Stärke, zusammengesetzt. Aus Traubenzucker werden über eine Reihe von Zwischenschritten auch Aminosäuren und damit Eiweiße, Fett­säuren und damit Fette sowie DNA/RNA-Basen (Bausteine der Gene) hergestellt.

Tiere fressen Pflanzen und zerlegen die Moleküle der Nährstoffe (Kohlenhydrate, Fette und Eiweiße) in der Verdauung wieder in ihre Bestandteile: Zucker in einfachen Trau­benzucker, Eiweiße in Amino­säuren und Fette in Fettsäuren. Die Tiere verwenden die so erhaltenen Stoffe, um ihre eigenen Verbindungen aufzubauen; und sie nutzen alldie­weil Traubenzucker sowie Fettsäuren zur Energie­gewinnung, indem sie sie in der Zell­atmung mit Hilfe von Sauerstoff zu Kohlendioxid und Wasser umsetzen („verbrennen“). Ganz ähnlich sieht es bei Tieren aus, die andere Tiere statt Pflanzen fressen; und auch die Pflanzen atmen nachts, das heißt verbrennen Traubenzucker zu Kohlendioxid und Wasser, um Energie zu gewinnen. So gelangt der meiste Kohlenstoff wieder dorthin, wo er herkam: in die Luft, der Rest durch tote Pflan­zen und Tiere in den Boden.

Kohlenstoff ist ein Grundbaustein allen Lebens. Kein Leben ohne Kohlenstoff. Die Geschichte der „Lebenskraft“, soweit es die Chemie betrifft, endete jedoch 1823, als ein Chemiker namens Friedrich Wöhler feststellte, dass sich ein Stoff, den man als anor­ganisch betrachtete, bei einer bestimmten Temperatur in einen organischen Stoff umzu­wandeln schien. Aus Ammo­niumcyanat – einem künstlichen, aber Kohlenstoff ent­haltenden Gebräu - wird ober­halb von 60 ºC Harnstoff – ein Endprodukt der Eiweiß­verdauung, das größtenteils mit dem Urin ausgeschieden wird. Beide Stoffe haben glei­che Bestandteile, aber unter­schiedliche Struktur.

Die künstliche Herstellung eines bis dahin nur von lebenden Organismen bekannten Stoffes war Anlass genug, die „Lebenskraft“ aus der Chemie zu streichen. Man spricht heute immer noch von „Anorganischer Chemie“ und „Organischer Chemie“. Letztere ist aber zu einem Synonym für „Kohlenstoff-Chemie“ geworden.

Das Kohlenstoff-Atom hat aufgrund seiner Struktur – es hat nur vier Elektronen auf seiner äußeren, zweiten Schale – die Fähigkeit, zahllose Verbindungen einzugehen. So kennt man heute an die 40 Millionen organische Verbindungen, gegenüber 100.000 anorganischen Verbindungen aus den restlichen ca. 100 Elementen des Perioden­systems. Das „Rückgrat“ organischer Verbindungen ist immer eine Kette von Kohlen­stoff-Atomen, an der noch mehr Wasserstoff-Atome hängen. Ein Teil davon kommt in der Natur vor, der größere Teil wird industriell, insbesondere aus Erdöl, hergestellt. Weshalb der Teil, der in der Natur vorkommt, ausschließlich von Lebewesen gebildet wird oder stammt, ist unbekannt. Eine „Lebenskraft“ wäre zumindest also ein legi­times „hypothetisches Konstrukt“: ein Konzept, das einem hilft, Dinge zu verstehen.

 

Das denkende Gehirn

Doch irgendwie bringt es dieser auf Gehirn und restlichen Körper reduzierte Mensch ja fertig, wahrzunehmen, sich zu erinnern, zu denken und das alles zu erleben. Und in der Tat, die körper­lichen Komponenten des visuellen Systems, bestehend aus Augen, Seh­nerven, Sehzen­tren sowie neuronalen Vernetzungen mit anderen Teilen des Gehirns, bil­den einen beein­druckenden Apparat. Die Entwicklungszeit betrug schließlich an die drei­einhalb Milli­arden Jahre. Doch es bleibt schleierhaft, wie der Mensch (allein) damit sehen sollte (vgl. Birbaumer & Schmidt 1991, S. 378).

Natürlich sieht er schlecht oder gar nichts, wenn eine dieser Komponenten beschä­digt ist. Doch es ist wie mit dem Entspannungsbad. Natürlich wird der Spaß daran getrübt oder er fällt ganz aus, wenn die Badewanne ein Loch hat oder wenn es einen Rohrbruch irgendwo zwischen den Stadtwerken und dem Haus gibt. Entschei­dend aber ist das Wasser. Ohne Wasser kein Bad.

Mit anderen Worten: Gehen Sie an einem Sommermorgen über eine Wiese oder durch den Stadtpark, sehen Sie sich all die Blumen, Sträucher und Bäume an. Schauen Sie zum Himmel und sehen Sie den Wolken zu, die vor dem fernen Blau vorüberziehen. Lauschen Sie dem Gezwitscher der Vögel. Nehmen Sie die laue Morgenluft wahr, in der noch der Dunst der Nacht verfliegt. - Meinen Sie wirklich, das alles würde Ihr Gehirn konstruie­ren? Und das in jedem Augenblick, in dem Sie so dastehen? Wie sollte das funktionie­ren?

Der Mensch hat ein perfektes Gedächtnis. Es enthält alles, was er jemals erlebt hat, in exakt der Form, in der er es erlebt hat. In seinem Gehirn jedoch ist nichts davon zu finden. Alles, was sich diesbezüglich feststellen lässt, sind sogenannte „Bahnungen“. Das heißt, wenn jemand den Klingelton seines Telefons hört oder wenn er sich die Schnürsenkel bindet, werden jeweils ungefähr dieselben Nervenbahnen aktiviert. Es gibt Abweichungen, wenn er darüber nachdenkt. Das ist alles.

Das Gehirn des Menschen ist das beste, das die Evolution her­vorgebracht hat. Doch auch mit den modernsten neurologisch-apparativen Unter­suchungsmetho-den werden Sie keinerlei An­haltspunkte dafür finden, wie es aufgrund irgend-welcher neuronaler Aktivi­täten im Gehirn zu Bewusstsein kommen könnte. Der Hirnstamm in der Tiefe des Gehirns enthält eine Region, die das Bewusstsein zwischen Wachsamkeit und Tiefschlaf reguliert (die Formatio reticularis). Doch das Bewusstsein selbst ist bereits da.

Die Idee vom denkenden Gehirn beruht auf der Idee, dass der Mensch nur ein Körper ist. Doch die Idee, dass der Mensch nur ein Körper ist, beruht auf einer weiteren Idee dieser Art. Der Mensch steht ganz am Ende der Evolution. Ganz am Anfang müssten dann also irgendwelche Moleküle das Phänomen des Lebens hervorgebracht haben. Es ist dieser „Magic moment“, der so oft von Fernsehprofessoren am Ende ihres Vortrags angenommen und nie erklärt wird – weil es ihn nicht gegeben haben kann.

Man hätte also durchaus irgendwann bemerken können, dass wir mit diesem Menschen­bild in eine Sackgasse geraten sind, anstatt endlos damit weiterzu-machen. Doch der Zeitgeist ist offensichtlich ein mächtiger Meinungsmacher.

 

Apropos Messbarkeit

Der russische Forscher Iwan Tarchanoff veröffentlichte 1890 eine Abhandlung über Zusammenhänge zwischen psychischen Vorgängen und elektrischem Hautwiderstand. Danach würden alle emotionale Regungen, Wahrnehmungen und Gedanken mit Ver­änderungen des Hautwiderstands der Person einhergehen.

Kurze Zeit später gingen in der Schweiz der Elektroingenieur E. K. Müller und der Neu­rologe Otto Veraguth dem Phänomen nach, wobei sie ein sogenanntes „Galvano­meter“ verwendeten (engl. „meter“, Messgerät: ein Gerät zur Messung sehr kleiner elektrischer Ströme, benannt nach dem italienischen Arzt Luigi Galvano).

Man legte die Spannung einer 2-Volt-Batterie an der Versuchsperson an. Der Strom­kreis wurde durch zwei Handelektroden geschlossen (zwei Metallzylinder, die die Versuchs­person in Händen hielt). Weitere Komponenten wurden in den Stromkreis einge­bracht, darunter das Galvanometer, einschließlich Spannungs­regler. Mit letzterem konn­te die Spannung so eingestellt werden, dass der Widerstand, den die Versuchs­person dem Stromfluss entgegensetzte, einen ge-wünschten Ausgangs­wert erhielt, der mit einem Zeiger als mitt­lerer Wert auf der damit verbunden Skala angezeigt wurde. Links davon lagen niedrige­re, rechts davon höhere Widerstandswerte. Sobald sich der Zeiger auf den Ausgangs­wert eingependelt hatte, konnte der Versuch begin­nen.

Carl Gustav Jung war währenddessen mit Assoziations-Experimenten an der Züricher Universitätsklinik („Burghölzli“) beschäftigt. Er verwendete dazu eine Liste von 100 ausgewählten Wörtern (1. Kopf, 2. grün, 3. Wasser usw.). Er rief der Versuchsperson jeweils ein Wort zu, und sie hatte die Aufgabe, so schnell wie möglich mit dem nächst­besten Wort zu antworten, das ihr dazu einfiel.

Jung hatte bereits festgestellt, dass verschiedene Reaktionen der Versuchsperson auf pro­blematische, gefühlsbeladene Themen - „Komplexe“ nannte er sie - hinwiesen. (Sol­che Komplexe waren bei Männern z. B. „Geld“ und „Ehrgeiz“, bei Frauen „Familie“ und „Schwangerschaft“.) Die wichtigste dieser Reaktionen war die verlängerte Reakti­onszeit. Das heißt, die Versuchsperson brauchte auffällig lange, um eine Antwort zu finden. Die zweitwichtigste Reaktion war die mangeln-de Erinnerung. Das heißt, die Versuchs­person konnte sich nach dem Assoziations-Experiment nicht mehr an ihre Ant­wort erinnern.

Angeregt durch Veraguth, bezog Jung das „psychogalvanische Phänomen“ in seine Stu­dien ein. Dabei beobachtete er, dass verzögerte und/oder anderweitig auffällige Reakti­onen stets mit einem deutlichen Galvanometer-Ausschlag (eine Bewegung des Zeigers nach rechts) einhergingen. Die erste Mit­teilung darüber erschien 1907.

Jung war zu dieser Zeit Oberarzt am Burghölzli. Einer seiner Doktoranden, Ludwig Binswanger, schrieb 1908 seine Doktorarbeit „Über das Verhalten des psychogalvani­schen Phänomens beim Assoziationsexperiment“. Er bestätigte die Beobachtung, dass der auffällig lange Galvanometer-Ausschlag immer auf einen Komplex hinwies; und er betonte die entscheidende Rolle der mit dem Komplex verbundenen Affekte („Emo­tionen“ würden wir heute sagen) für das Zustande-kommen der psychogalvanischen Reaktion.

Das psychogalvanische Phänomen wurde jedoch in der „Züricher Schule“ nicht weiter verfolgt. Zum einen war das Galvanometer sehr schwer zu bedienen. Die Anzeigen waren sehr klein; und die Hände der Versuchsperson mussten mit kleinen Sandsäcken be­schwert werden, so dass Bewegungen nicht allzu sehr störten. Zum anderen brachte es die Analyse nicht entscheidend weiter. Man konnte zwar die drängenden Probleme der Leute isolieren, aber man war nicht in der Lage, sie zu beheben.

Die Analyse, nach welcher Schule auch immer sie betrieben wurde, war stets von dem Gedanken geleitet, das Innenleben des Patienten zu ergründen und ihm dann mitzu­teilen, was man über ihn herausgefunden hätte. Selbst Jung konnte sich noch nicht über diese Art Anmaßung erheben. Die Erkenntnis, dass der Patient der einzige ist, der „Zugang zum System“ hat – er allein kann es ja sehen, hören usw. - und dass man ihm im Grunde nur helfen kann, es in Ordnung zu bringen, gehörte noch in eine ferne Zukunft.

Jung führte auch einige Experimente zusammen mit Frederick Peterson durch. Der brachte das Galvanometer in die USA, wo die Entwicklung aber eine ganz andere Rich­tung nahm. William Marston und John Larson bauten unabhängig voneinander ein Gerät, in dem sie die einzelnen Komponenten zusammenfassten. Sie präsentierten ihre Erfin­dung als Hilfsmittel zu Erforschung seiner Gedanken und Gefühle und erreg­ten damit in den 1920-er Jahren großes Aufsehen. Sobald es tragbare Geräte mit Röhren­verstärker gab, fanden auch Polizisten Interesse daran. Sie verwendeten sie als „Lügende­tektoren“. Und als solche finden sie noch heute in einer ganzen Reihe von Län­dern Verwendung – was natürlich eine Art Kaffeesatzleserei ist.

In den 40-er Jahren experimentierte Volney Mathison, ein Radiobauer und passio­nierter Psychoanalytiker, mit solchen „Lügendetektoren“. Er baute seine eigene Ver­sion und nannte sie „Electroencephaloneuromentimograph“, „Electro-psychometer“ oder einfach „E-Meter“. Als es Transistoren zu erschwinglichen Preisen gab, verwendete er Transis­toren anstelle der bisherigen Röhren-verstärker. Mathison verkaufte sein „E-Meter“ zusammen mit Tonbändern und Büchern. Die Idee war, dass sich die Leute auf diese Weise Zugang zu den verborgeneren Inhalten ihres Verstandes verschaffen und sich damit auseinandersetzen könnten.

Es war um 1950, als Mathison auf L. Ron Hubbard, den späteren Begründer der Scien­tology (der „Wissenschaft vom Wissen“), traf. Mathison war begeistert von Hubbards anfänglichen Ideen, und Hubbard fand Gefallen an Mathisons E-Meter. Die Wege der beiden trennten sich zwar bald wie­der, doch die Scientologen bauten das E-Meter ein paar Jahre später nach und benützten es für ihre Zwecke – und damit war sein Ruf allem Anschein nach ein für allemal dahin.

Das Psychogalvanometer – oder wie immer man es nennen will – war jedoch von je­her umstritten, weil niemand wusste, was es eigentlich anzeigt. Man konnte Verände­rungen des Hautwiderstands damit messen. Doch wodurch wurden diese Veränderun­gen be­wirkt?

Widerstand und elektrische Leitfähigkeit eines Stoffs stehen im umgekehrten Verhältnis zueinan­der. Je geringer der Widerstand, desto höher die Leitfähigkeit. Je geringer die Leitfähig­keit, desto höher der Widerstand. Schweiß enthält eine Menge gelöster Salze, vor allem Kochsalz. Sie wirken als Elektro­lyte (aus „Elektro-“, Wortbildungselement mit der Bedeutung „Elektrizität“ + grch. „ly­ein“, lösen: den elektrischen Strom leitende Teilchen). Verschwitzte Hände, die die Elektroden festhalten, bewir­ken daher eine erhöhte Leitfähigkeit bzw. einen verringerten Widerstand der Haut. Trockene Hände führen umgekehrt zu einer verringerten Leitfähigkeit bzw. einem erhöhten Wider­stand.

Sollte die Person, die die Elektroden in den Händen hält, im Laufe der Befragung, des Interviews oder was auch immer feuchte Hände bekommen, so würde ihr Hautwider­stand allmählich sinken. Die Tätigkeit der Schweißdrüsen ist also das Nächstliegende, was sich auf den Hautwiderstand auswirken kann. Offensichtlich wurde sie des­halb am häu­figsten verwendet, um das psychogalvanische Phänomen zu erklären – wahrschein­lich ohne es jemals beobachtet zu haben.

Das psychogalvanische Phänomen, wie es von Jung, Binswanger und anderen beob­achtet wurde, ist keine Abnahme, sondern eine Zunahme des Hautwider­stands. Zum anderen ist es keine allmähliche, sondern eine abrupte Veränderung. Ein „Galva­nometer-Ausschlag“ ist eine abrupte Bewegung des Zeigers nach rechts. Das psychogal­vanische Phänomen hat also nicht das geringste mit einer erhöhten Schweißdrüsentätig­keit zu tun.

Ein neuerer Versuch, Veränderungen des Hautwiderstands zu erklären, geht von Teilen des motorischen Nervensystems aus (motorisch: vom lat. „motor“, Beweger; zu „move­re“, bewegen). Das motorische Nervensystem lässt sich in zwei Teile einteilen: das will­kürliche und das unwillkürliche. Der willkürliche Teil steht im Dienste der be­wuss­ten, willkürlichen Kontrolle der Skelettmuskulatur. Der unwillkürliche Teil hat mit der unbe­wussten, automatischen Kontrolle der Muskulatur inne­rer Organe und Drüsen zu tun. Beiden gemeinsam ist, dass sie Elektrizität nach peripher, z. B. zur Haut hin, leiten.

Es sind die Reaktionen des unwillkürlichen motorischen Nervensystems, die für Ver­änderungen des Hautwiderstands verantwortlich gemacht werden. Doch wie genau dadurch Widerstandsveränderungen in welcher Richtung bewirkt werden sollen, bleibt offen.

Leonardo da Vinci: Der Mensch nach Marcus Vitruvius Pollio.

Ein einfacher Versuch kann uns zeigen, wo die Lösung liegt. Nehmen wir an, wir sind aus­geschlafen und gesättigt. Wir schalten das Galvanometer ein und nehmen die Elek­troden in die Hand. Wir stellen den Zeiger des Spannungsreglers in die Mitte der Skala und die Empfindlichkeit auf einen mittleren Wert. Wenn wir nun tief einatmen, werden wir sehen, wie der Zeiger weit nach rechts schwingt, noch wäh­rend wir ausatmen, um dann allmählich zum Ausgangspunkt zurückzukehren.

Der tiefe Atemzug hat den Zellstoffwechsel intensiviert. Einen Augenblick lang ist in den Zellen deutlich mehr Energie produziert worden als sonst. Es ist diese Energie, die den Organismus am Leben hält. Der eine Teil davon reichert sich in Adenosintri­phosphat (ATP) an: dem Universalenergieträger des Kör­pers. Der andere Teil – es ist der größere - wird frei.

Wenn wir den Hautwiderstand messen, messen wir den Widerstand, den die Haut und unmittelbar darunter liegendes Gewebe dem Stromfluss entgegensetzen. Die verstärkte Energiebereitstellung hat den Widerstand erhöht. Der Teil der Energie, der zur Bildung von ATP verwendet wurde, kann ihn nicht verändert haben. Er ist verwendet worden, um Phosphat-Moleküle an Adenosindiphosphat (ADP) anzu-binden, um damit (wieder) Adenosin­triphosphat zu erhalten, und steckt nun im ATP. Die Veränderung kann also nur durch die frei werden­de Energie bewirkt worden sein. Sie breitet sich sowohl innerhalb wie auch außerhalb des Körpers aus. Sie ist als Wärme innerhalb des Körpers spürbar und messbar und im Bild der Infrarotkamera außerhalb des Körpers sichtbar.

Ein stromdurchflossener Leiter erzeugt ein Magnetfeld in seiner Umge­bung. Der strom­durchflossene Leiter ist in diesem Fall die Haut plus das unmittelbar darun-ter liegende Gewe­be. Das Magnetfeld liegt unterhalb und oberhalb der Haut. Es hat offensichtlich Masse in den Stromkreis gezogen, die den Widerstand erhöht hat. Die Masse kann aus dem Gewebe unter der Haut und dem Feld über der Haut stammen.

Wenn Sie das ganze mit einer Versuchsperson machen, können Sie es als Schritt eins eines ordentlichen Experiments betrachten. Schritt zwei wäre dann die gleiche Aktion, nur dass Sie anstelle des tiefen Atemzugs die Wortliste des Assoziations-Experiments von Jung verwenden (Meier 1994, S. 106). Die Liste ist jedoch recht willkürlich. Jung wollte damit ja nur an „Komplexe“ kommen: an problematische, gefühlsbeladene The­men oder Lebensbereiche der Versuchsper-son. Deshalb können Sie auch eine Liste ver­wenden wie „Sex – Geld – Frauen /Männer – Schulden – Arbeit – Alkohol – Zigaret­ten“ u. ä. Rufen Sie ein Wort nach dem anderen; und Sie werden bei einigen Wörtern genau das erhalten, was Jung bei seiner Liste erhielt: eine unmittelbare abrupte Bewegung des Zeigers nach rechts.Wenn Sie die Versuchsperson nun ein wenig über das reden lassen, was Sie mit dem Wort bei ihr angesprochen haben, werden Sie genau das bestätigen können, was Jung, Binswanger und andere bemerkt haben: die entscheidende Rolle der mit dem „Komplex“ verbundenen Affekte.

Die Masse, die in den Stromkreis gezogen wird, kann in diesem Fall nur aus dem Feld über der Haut stammen. Deshalb auch die unmittelbare Reaktion. Sie tritt auf, sowie Sie das Wort ausgesprochen und die Versuchsperson es gehört hat. Die Masse stammt offen­sichtlich aus negativen Emotionen: Wut, Angst, Trauer u. ä. Wenn wir über die Experi­mente von Jung und Kollegen hinausgehen, können wir das Galvanometer (GM) in der Tat verwenden, um Missemotionen zu einem Thema aufzuspüren. Man kann sie sogar auflösen, wobei der Zeiger nach links und links und links geht und sich schließlich entspannt.

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Hier ist die „Physis“ von Hippokrates, der „Archäus“ von Paracelsus, die „Anima“ von Ernst Stahl, „La nature“ von Theophile Bordeu, „La principe vitale“ von Paul Joseph Barthez, die „Lebenskraft“ von Samuel Hahnemann und vielen, vielen anderen. Wie konnten wird diese Leute nur ignorieren!

 

Literatur

Birbaumer, N. & Schmidt, R. F. (1991). Biologische Psychologie. Berlin, Heidelberg, New York: Springer, 2. Aufl.

Bleuler, E. (1983). Lehrbuch der Psychiatrie. Berlin, Heidelberg, New York: Springer, Nie15. Aufl.

Meier, C. A. (1994). Die Empirie des Unbewussten. Einsiedeln: Daimon.

Meyer-Steineg, Th. & Sudhoff, K. (1923). Geschichte der Medizin. Jena: Gustav Fischer, 2. Aufl.

Niederhäuser, H. R. (1967). Von griechischen Göttern und Helden. Stuttgart: Verlag Freies Geisterleben.

Schneewind, K. A. (1992). Persönlichkeitstheorien I. Alltagspsychologie und mechanis­tische Ansätze. Darmstadt: Wissenschaftliche Buchgesellschaft, 2. Aufl.

Weischedel, W. (1999). Die philosophische Hintertreppe. Die großen Philosophen in Alltag und Denken. München: Deutscher Taschenbuch Verlag, 29. Aufl.

 

Web-Links

Das Mythentor - Griechische Mythologie

Der heisse Stuhl | Lügen | August 2006 | NZZ Folio

Jung, C. G. Gesammelte Werke und andere Schriften - www.cgjung.de

Volney Mathison - Wikipedia

 

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