Nachwort

Der Fortschritt des Menschen ist ein Fortschritt vom Glauben zum Wissen. Das gemein­same Wissen unserer Gesellschaft sind unsere Wissenschaften – denn Wissenschaft ist's, was Wissen macht. Es ist im Verstand unserer Wissenschaftler und in der Literatur, die sie schreiben. All das Wissen nützt uns aber wenig, wenn wir es im Bedarfsfall nicht einzuschätzen wissen. Oft führt es dann nur zu einer neuen Art von Glauben: „Wissen­schaftsgläubigkeit“.

Beispiel eins

„Und es stimmt doch: Vitamin C fördert die Steinbildung!“ Gemeint sind Nierensteine. Berichtet wurde es in der Zeitschrift Natur & Gesundheit im August 2014. „Siehst du“, sagte die Abonnentin der Zeitschrift zu ihrem Mann, „da brauchst du gar keine Äpfel mehr essen (oder so ähnlich).“

Und tatsächlich: „Die Forscher haben 23.355 Männer elf Jahre lang beobachtet. Die Auswertung der Daten ergab, dass Männer, die täglich durchschnittlich 1.000 mg Vitamin C zu sich nehmen, ein doppelt so hohes Nierenstein-Risiko hätten als die Stu­dienteilnehmer, die keinerlei Vitamine in Form von Nahrungsergänzungen einnahmen. Die Studienleiter gaben an, dass die Gefahr der Steinbildung mit der Höhe der Dosis ansteige. Vitamin-C-haltige Nahrungsmittel hätten diesen negativen Effekt jedoch nicht.“

Im letzten Satz steht, wie es dazu kam. Vitamin C ist ein Komplex, bestehend aus Ascorbinsäure sowie zahlreichen Endprodukten ihrer Vor-. Zwischen- und Abbau­produkte plus Enzymen und weiteren Vitalstoffen 1-3. Nur die Ascorbinsäure selbst kann im Labor nachgebaut oder von gentechnisch veränderten Mikroorganismen  hergestellt werden. Sie ist durchaus mit der Ascorbinsäure von Vitamin C identisch, aber leider nur ein Teil des Vitamins – mit gänzlich anderen Wirkungen. Bisweilen wird nicht zwischen Vitamin C und Ascorbinsäure unterschieden. Genau das scheint aber in der besagten Studie der Fall gewesen zu sein. Was also in Wirklichkeit untersucht wurde, waren die unterschiedlichen Wirkungen von Vitamin C und Ascorbinsäure; und was in Wirklich­keit dabei herauskam war, dass Ascorbinsäure zu Nierensteinen führt und Vitamin C nicht.

Beispiel zwei

„Bio-Lebensmittel kaum gesünder als normale Produkte.“ So steht es im Spiegel Online vom 3. September 2012. „Weniger Pestizide, weniger Antibiotika – aber nicht gesünder: Forscher haben Hunderte Studien über Bio-Lebensmittel analysiert. Doch auch danach lässt sich die Hoffnung vieler Verbraucher, mit Bioprodukten ihrer Gesundheit etwas Gutes zu tun, wissenschaftlich kaum erhärten.“ 4, 5. (Es handelte sich hierbei also um keine Studie, wie im Beispiel eins, sondern eine Studie über Studien: eine sogenannte „Metastudie“ oder „Metaanalyse“ [grch. „meta“, nachher, später].)

Eine der wesentlichen Eigenschaften von Bioprodukten jedoch besteht genau darin, dass sie keine oder fast keine Pestizide und Antibiotika enthalten 6, 7. Es ist wesentlich, weil beide Stoffgruppen Quellen freier Radikaler sind; und die sind so gesund wie Alkohol und Zigaretten. Sie sind die Ursache von „oxidativem Stress“, der die Zellen altern und degenerieren lässt (siehe die Nummer 4 dieser Artikelreihe). „Weniger Pestizide, weni­ger Antibiotika – aber nicht gesünder“ ist also kompletter Unsinn.

Wenn aber tatsächlich weniger Pestizide und Antibiotika in den Bioprodukten gefunden wurden, spricht das dafür, dass man sich mehr oder weniger darauf verlassen kann: wenn „Bio“ draufsteht, ist auch „Bio“ drin. Und das ist im Grunde das ganze Ergebnis der Untersuchung.

Die Überschrift „Bio-Lebensmittel kaum gesünder als normale Produkte“ erweckt natürlich den Eindruck, dass Auswirkungen auf die Gesundheit von Menschen unter­sucht worden wären. Doch das Team von Dena Bravata von der Stanford University (USA) sah sich in Wirklichkeit 223 Untersuchungen an, bei denen entweder der Nähr­stoffgehalt von Bioware und konventioneller Ware oder ihre Belastung mit Bakterien, Pilzen oder Pestiziden verglichen worden waren, wobei man keine nennenswerten Unterschiede – außer den oben erwähnten – festgestellt hatte. Nur 17 Studien hatten sich tatsächlich mit Menschen beschäftigt, die sich entweder bio oder konventionell ernährten. Die Untersuchungszeiträume hatten zwei Tag bis zwei Jahre betragen.

Doch was den Forschern hier entgangen ist, ist eine weitere wesentliche Eigenschaft von Bioprodukten – ihre Vollwertigkeit. Die isolierten Kohlenhydrate im Haushalts­zucker und in Auszugsmehlen, das isolierte Natriumchlorid im Speisesalz, die isolierten Fettsäuren in Speiseölen, die isolierte Ascorbinsäure aus dem Labor machen eine Menge gesundheitlicher Probleme. Doch sie sind sicherlich weit weniger in Bioprodukten als in konventioneller Ware zu finden. Was haben die Forscher also gemacht, wenn sie Lebensmittel auf ihre Inhaltsstoffe hin untersucht und das übersehen haben?

Vorteile für Biolebensmittel konnten die Forscher natürlich nicht erkennen. Sie gaben vielmehr zu bedenken: „Einen direkten Zusammenhang zwischen Lebensmitteln und Gesundheit nachzuweisen ist beinahe unmöglich.“ - Doch wenn das so wäre, dann wäre es völlig sinnlos, sich überhaupt mit Ernährung zu beschäftigen; und weil das nicht so ist, gibt es unzählige Studien darüber.

Was das Team von Dena Bravata möglicherweise erahnte, ist folgendes: Wenn wir in einer Studie eine mögliche Abhängigkeit einer Variablen, z. B. des Gesundheitszustands, von einer anderen Variablen, z. B. einem bestimmten Lebensmittel, untersuchen wollen, müssen wir Störvariablen so weit wie möglich ausschließen. Sie würden ansonsten nur das Ergeb­nis verzerren.

Wenn unsere Versuchspersonen gewöhnlich aber am Morgen Weizenbrötchen mit Butter und Marmelade essen, am Mittag eine Bockwurst mit Geschmacksverstärker und Brat­kartoffeln, am Nachmittag ein Stück Kuchen aus Weizenmehl, Milch und Zucker, am Abend eine Schweinshaxe mit Pommes Frites, zwischendurch noch einige Schokoriegel und Kartoffelchips und dazu Milch, Kaffee und Tee, hergestellt aus gewöhnlichem Leitungswasser, werden wir nicht viel feststellen können, wenn wir der einen Gruppe die Pommes Frites entziehen und der anderen nicht. Wir werden nur die Konstanz der Stör­variablen bestätigen.

Gerald Wehde, Sprecher des Anbauverbands Bioland, mit diesen „Befunden“ konfron­tiert, ließ sich derart ins Bockshorn jagen, dass er meinte: „Gesundheit ist nicht unser Hauptkampffeld … Gewässerschutz, Klimaschutz, Artenschutz, Bodenqualität – da erbringen wir eine große ökologische Leistung.“ Super! Aber um die Gesundheit der Leute geht es nicht mehr?

Insgesamt jedoch dürften die Vorteile tatsächlich nur leicht aufseiten der Bioware liegen, denn Milch und Weizen dominieren auch die Bioläden - und ob Sie die Milch, den Joghurt, den Käse, die Hartweizennudeln, die Sojamilch und das übliche Mineral­wasser im Bioladen oder im gewöhnlichen Supermarkt kaufen, wird nicht allzu viel Unterschied machen. Es ist ein großes Glück, dass wir Bioläden haben, aber nicht alles was es darin zu kaufen gibt, ist wirklich für den menschlichen Verzehr geeignet. Ihr großer Vorteil ist, wie gesagt, dass sie keine oder nur sehr wenig Pestizide und Anti­biotika enthalten.

Beispiel drei

„Studie: Glutenfreie Kost verbessert autistisches Verhalten nicht“, schreibt Trisha Henry von der medizinischen Abteilung des US-amerikanischen Nachrichtensenders CNN 8. „Forscher am medizinischen Zentrum der University of Rochester, New York unterzogen, Untersuchungsleiterin Susan Hyman zufolge, gluten- und kaseinfreie Kost,  heute einem strengen Test. Sie sahen sich dazu 14 autistische Kinder im Alter zwischen 2 ½ und 5 ½ Jahren an … Zuerst entfernten sie Gluten und Kasein aus dem Essen der Kinder. Nach vier Wochen wurde den Kindern per Zufallsauswahl entweder Gluten oder Kasein oder beides oder ein Placebo in einer sorgfältig bemessenen Mahlzeit verab­reicht. Eltern, Lehrer und ein Versuchsassistent wurden über das Verhalten der Kinder, bevor und nachdem sie die Mahlzeit eingenommen hatten, befragt. ,Unter diesen kontrollierten Bedingungen fanden wir keinen Verhaltenseffekt als Reaktion auf die Gluten- und Kasein-Gaben bei den autistischen Kindern … ʻ, sagt Hyman.“

Die Studie ist nicht einfach nur schlecht. Sie entzieht sich weitgehend logischem Denken. Deshalb gibt es eigentlich nicht mehr dazu zu sagen.

Allen drei Studien gemeinsam ist, dass sie Desinformation streuen. Zumindest einige der Leute, die davon gelesen oder gehört haben, werden jetzt glauben, dass Vitamin C zu Nierensteinen führt, dass Biolebensmittel nicht gesünder sind als konventionelle Produkte und dass Gluten und Kasein nichts mit Autismus zu tun haben - und dass das „wissenschaftlich bewiesen“ ist.

Nebenbei bemerkt: Beweise oder Widerlegungen gibt es nur in der Logik und in der Mathe­matik. Dort beschäftigen wir uns nur mit Dingen, die wir von vornherein definiert haben. Die Winkelsumme im Dreieck bsw. beträgt per Definition 180°. Deshalb können wir beweisen, dass ein Dreieck 180° hat, und wir können widerlegen, dass ein Viereck 180° hätte. Die Leistung des Mathematikers ist der logische Umgang mit dieser und weite­ren Definitionen.

In allen anderen Wissenschaften („Erfahrungswissenschaften“) kann es nur Hinweise geben, dass eine Annahme zutrifft oder nicht. Wir haben die Realität nicht definiert, wir sind vielmehr dabei, sie zu verstehen. Mineralstoffarmes Trinkwasser bsw. ist theoretisch von grundlegender Bedeutung für den menschlichen Organismus. Doch möglicherweise ist es uns nicht möglich, im Rahmen einer Studie einen Hinweis darauf erhalten, dass unsere Annahme richtig ist, weil die Menge der Störvariablen den Effekt des Wassers überdeckt.

Man sollte also wissen, worum es eigentlich geht, wenn man Studien macht, darüber schreibt oder davon liest. Wenn man über eine ausreichende Datenbasis verfügt, wird man keinen derartigen Unsinn produzieren oder übernehmen.

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Das eigentliche Problem mit unseren Wissenschaften aber liegt tiefer. Es liegt auf der Ebene der Wissenschaftstheorie: den Ideen davon, was Wissenschaft ist und wie man Wissenschaft betreiben kann.

Die christliche Kirche ließ ungefähr eineinhalb Jahrtausende keine Wissenschaft zu. Ihr Glaube war Pflicht; und ihr Glaube war es, der die Realität Europas prägte. Wie todernst es den Kirchenväter damit war, zeigte die Inquisition.

Als die Macht der Kirche schwand, begannen die Leute wieder nach Wissen zu suchen. Grundsätzlich aber gibt es zwei Wege, um zu Wissen zu kommen: denken und beobach­tenTheorie und Erfahrung. Philosophen und Wissenschaftler stritten ausgiebig darüber, welcher Weg der bessere sei. Immanuel Kant (1724-1804), einer unserer Besten, schlichtete den Streit. Er stellte klar, dass die Erfahrung der Lehrmeister sein muss, der aber einen Schüler braucht, der bereits mit Erfahrungen umgehen kann. Mit anderen Worten, ohne Denken keine Beobachtung, ohne Theorie keine Erfahrung.

Den Wissenschaftlern der frühen Neuzeit aber war alles verhasst, was der Beobachtung in irgendeiner Weise vorauszugehen schien. So schütteten sie das Kind mit dem Bade aus: das Denken mit dem Glauben. Die Beobachtung wurde zum Königsweg der Wissenschaften. Noch heute gibt es Wissenschaftler, die großen Wert auf die Fest­stellung legen, sie würden „empirische Wissenschaft“ betreiben (grch. „empeiria“, Erfah­rung). Das Denken spielt in der Wissenschaft nur noch eine Nebenrolle: in der Anwendung. Und oft hat es dann den Anschein, als ob die Leute tatsächlich nicht mehr denken könnten.

Wenn wir die Theorie außer Acht lassen, stellen wir bestenfalls Verglei­che an. Wir geben der einen Gruppe (der „Versuchsgruppe“) ein Medikament bsw. gegen Bluthoch­druck und der anderen Gruppe (der „Kontrollgruppe“) ein Placebo. Wir messen regel­mäßig den Blutdruck in beiden Gruppen. Und nach einiger Zeit stellen wir fest, ob sich der Blutdruck in der Versuchsgruppe, verglichen mit der Kontrollgruppe, deutlich genug verbes­sert hat, so dass die Verbesserung nicht dem Zufall zugeschrieben werden muss. (Es gibt mathema­tische Verfahren, um das zu beurteilen. In der Praxis schaut man einfach in einer Tabelle nach.) Nebenwirkungen des Medikaments werden sich kaum verhindern lassen, weil das Medikament in die Physiologie (die natürlichen Vorgänge) des Körpers eingreift. Mögliche Ursachen des Bluthochdrucks interessieren herzlich wenig.

Das alles geschieht, obwohl unser wissenschaftstheoretischer/methodischer Standard eigentlich ein ganz anderer ist. (Die Wissenschaftstheorie ist Teil der Philosophie; als Methodenlehre gehört sie, in kompakter Form sozusagen, zu den Grundlagen einer jeden Wissenschaft.) So ist es eigentlich – wenigstens in Deutschland – selbstverständ­lich, dass eine Hypothese (eine Annahme oder Vermutung), die man im Rahmen einer Studie überprüfen möchte, aus einer Theorie (ein in sich schlüssiges System von Aus­sagen) abzuleiten ist.

Ein fiktives Beispiel dazu

Theorie: Die elektromagnetische Strahlung, die auf der Erdoberfläche ankommt, stammt im wesentlichen von der Sonne. Sie besteht aus drei Ausschnitten des gesamten Spektrums: Licht, Wärme und Radiostrahlung (der Rest wird in der Atmosphäre ausge­filtert). Die Strahlung der Sonne bestimmt den Tag/Nacht-Rhythmus des irdischen Lebens. Tiere sind tagsüber wach und schlafen in der Nacht (auch wenn es ein gewisses Maß an Nachtaktivität gibt). Auch Menschen schlafen in erster Linie nachts. Sie schla­fen jedenfalls schlecht, wenn es zu hell oder zu warm ist.

Menschen sind heute jedoch in der Lage, alle drei Ausschnitte des elektromagnetischen Spektrums künstlich herzustellen und ihre Umgebung auch nachts damit zu bestrahlen. Licht ist sichtbar. Wärme ist spürbar. Radiostrahlung ist weder sichtbar noch spürbar; da sie in der Natur den Tag/Nacht-Rhythmus des Lebens wesentlich mitbestimmt, ist jedoch zu erwarten, dass sie Menschen nachts am Schlafen hindert, wenn sie in zu hohen Dosen auf ihn einwirkt.

Hypothese: Künstliche Radiostrahlung in den Dosen, wie sie heute von Radio-, Fern­seh-, Mobilfunk- und anderen Sendern ausgestrahlt wird, verursacht Schlafstörungen.

Der Rest wäre Sache der Studienplanung und -durchführung. Doch solange es uns über­haupt möglich wäre, die Studie durchzuführen, müssten wir schon sehr viel falsch machen, um keine Erklärung für die Schlafstörungen zu erhalten, unter denen die Leute heutzutage leiden.

Sie sehen also: auf diese Weise bekommen wir eine ganz andere Art von Wissenschaft. Die Welt ist logisch; nur deshalb ist es möglich, sie zu verstehen – und nur deshalb kann es Wissenschaft geben. Wenn wir beginnen, etwas zu verstehen, fängt es an, einen Sinn zu ergeben – und das ist die Theorie, die es zu untersuchen gilt. Und daraus können wir wissenschaftlichen Fortschritt erzielen, der allen hilft.

Theorie und Erfahrung/Anwendung sollten sich die Waage halten. Doch die Theorie muss zuerst kommen, sonst stellen wir die Dinge auf den Kopf. Was dabei heraus­kommt, sehen Sie, wohin Sie schauen. Zuerst denken, dann handeln! Dann beobachten - und es besser machen!

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Der Rest zum Thema Ernährung ist Sache der Ethik. Keine Werbung der Welt kann aus einem schlechten Produkt ein gutes Produkt machen. Es ist, was es ist – ganz gleich, was Sie oder ich darüber denken. Und kein Richterspruch kann diejenigen, die Miss­produkte herstellen oder vertreiben, von ihrer Sorgfaltspflicht befreien. Recht und Ordnung eines Rechtsstaats basieren auf Ethik – auf dem, was ohne Rücksicht auf Interessen, Parteilichkeiten oder andere Voreingenommenheiten rechtens ist. Versuche, wirtschaftliche Interessen entgegen ethischen Geboten durchzusetzen, sind – abgesehen von dem Schaden, den sie für andere mit sich bringen – nur Versuche, sich seiner selbst zu entfremden.

 

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