Das fehlende Stück Realität

Nr. 2 einer Artikelreihe über die Ernährung

 

 

Der Fortschritt des Menschen ist ein Fortschritt vom Glauben zum Wissen. Jeder Mensch geht diesen Weg im Laufe seines Lebens und jede Gesellschaft im Laufe ihres Daseins. Die gesellschaftliche Errungenschaft des Wissens ist, was wir Wissenschaft nennen.

Unsere Wissenschaft hat jedoch keine kontinuierliche Entwicklung hinter sich. Sie ähnelt einem 60-jährigen Mann, der 15 Jahre seines Lebens im Koma lag. 1.500 Jahre war alle Erkenntnis dem christlichen Dogma untergeordnet. Die „modernen Wissen­schaften“ entstanden erst ab dem 16. Jahrhundert. So liegt noch vieles im Argen. Und dem Wesen des Lebens sind wir bisher nicht näher gekommen als ein Bergwerk dem Mittelpunkt der Erde – wie es Viktor von Weiz­säcker ausdrückte.

Die Notwendigkeit ist stets der große Lehrmeister gewesen. Menschen sind verletz­lich; und was könnte notwendiger sein, als sich um Verletzungen zu kümmern? Men­schen hatten stets mit der Natur zu kämpfen; und sie verletzten sich dabei. Menschen führten stets Kriege; und sie richteten sich dabei fürchterlich zu. So began­nen „Wundärzte“, den Verletzten zu helfen, indem sie Wunden schlossen, Pfeile aus dem Fleisch zo­gen, zerschlagene Gliedmaßen zusammenflickten oder amputierten. Sie be­gründeten die Chirurgie: von alters her die Paradedisziplin der Medizin. Und da die Wundärzte eine Anatomie brauchten (vom grch. „anatome“, Zergliederung: Wissenschaft vom Körper­bau), brachte Andreas Vesalius um die Mitte des 16. Jahrhunderts die moderne Anato­mie auf den Weg.

Menschen sind ebenso anfällig für Krankheiten; und es waren die „Medici“ (lat. Ärzte), die zu helfen versuchten. Krankheiten zu behandeln setzt eine brauchbare Physiolo­gie voraus (Physiologie: vom grch. „physis“, Natur, natürliche Be­schaffenheit + „logos“, Wort; Lehre: Lehre von den natürlichen Lebens­vorgängen im Organismus). Die Physiologie aber erwies sich als harte Nuss; und deshalb hatten die Medici lange nicht mehr zu bieten als Aderlässe, Schröp­fen und ein paar Salben.

Das änderte sich erst im 19. Jahrhundert, mit der Entdeckung der tierischen Zelle. Rudolf Virchow nahm nun an, dass sich für jede Krankheit eine Störung der einzelnen Zelle des betroffenen Gewebes finden lassen müsse. Also definierte er den Krankheits­prozess als „Zelltätigkeit unter abnormalen Umständen“. Und man fand heraus, dass mikroskopisch kleine Organismen, Bakterien und Pilze, für viele solcher „Zustände“ verantwortlich waren. Die damit verbun­dene Einführung der Impftechnik gilt heute gemeinhin als Beginn der modernen Medizin. Wahrscheinlich aber war es eher die neuzeitliche Hygiene, die sich so wohltuend auf die Volksgesundheit auswirkte.

Nachdem man die Infektionskrankheiten so gut in den Griff bekommen hatte, tauch­ten jedoch andere Krankheiten auf, die man früher kaum gekannt hatte: Magen- und Zwölffinger­darmgeschwüre, Herz-/Kreislauferkran­kungen, Krebs, Rheuma, Galle-, Leber-, Nieren- und Blasenleiden usw. Zivilisations-krankheiten nennen wir sie heute.

Die pharmazeutische Industrie hat unzählige Medikamente entwickelt. Die mo­derne Informationstechnologie hat erstaunliche Diagnose- und Be­handlungsapparate zur Ver­fügung gestellt. Die Medizin hat großartige Fortschritte erzielt. Dennoch gilt für die meis­ten dieser Krankhei­ten nach wie vor: „Ursache unbekannt“.

Es wird oft kritisiert, dass sich die Medizin fast ausschließlich mit den Symptomen und fast nie mit den Ursachen von Krankheiten beschäftigt. Und es wird beanstandet, dass in erster Linie mit Medikamenten und Operationen behandelt wird, um die Symptome zu bekämpfen. Dabei übersieht man allerdings, dass sich die Medizin aus der Notwen­digkeit her­aus entwickelt hat, Verletzungen und Krank­heiten zu behandeln. Sie war von Anfang an für den Notfall gedacht.

Die Leute kommen in der Notaufnahme an, weil sie sich irgendwelche Knochen gebro­chen haben. Sie gehen zum Arzt, weil chronische Beschwerden akut geworden sind. Die akuten Symptome sind meist schmerzhaft, oft ängstigend, manchmal lebensbe­drohlich. Die Leute wollen sie so schnell wie möglich loswerden; und das ist oft nur mit Medika­menten oder Operationen möglich. Manchmal bleibt gar nichts anderes üb­rig, um ein Leben zu retten.

Wenn sich die Leute allerdings nur dann um ihren Körper kümmern, wenn der Notfall einge­treten ist – oder wenn sie vorsorglich prüfen lassen, ob einer im Anzug ist -, ent­steht eine merkwürdige Situation. Sie achten gewöhnlich nicht auf ihren Körper, abge­sehen von Frisur, Wimperntusche, Lippenstift und ähnlichen Belanglosigkeiten, und wenn sie dann Probleme damit bekommen, geben sie ihrem „Arzt oder Apotheker“ die Verantwor­tung dafür, die Sache wieder in Ordnung zu bringen.

Das ist einer der Gründe, weshalb die Ärzte wieder einmal „etwas vermurkst“ hätten oder die Probleme nach der Operation erst richtig angefangen haben. Was immer bei der Operation geschehen ist, es ist kaum möglich, dass etwas besser wird, solange die Person selbst keine Verantwortung dafür übernimmt. Ob es nun das Garagentor, die Zentralheizung oder der eigene Körper ist: wie sollte etwas auf die Dauer funktionieren, wenn der Eigentümer oder derjenige, der ständig damit umgeht, keine Verantwortung dafür übernimmt!

Die Leute nehmen ein Medikament gegen dieses und ein Medikament gegen jenes; sie lassen sich hier ein Stück herausschneiden und dort ein Stück einsetzen. Doch da Medi­kamente meist Nebenwirkungen haben und Operationen oft schwere Eingriffe sind, entstehen dadurch weitere Probleme, die dann mit weiteren Medikamenten, meist plus ergänzenden Schmerzmitteln behan­delt werden. Das Entfernen der Mandeln bsw. oder das Einsetzen von Zahnimplantaten oder künstlichen Knie­gelenken sind Dinge, die man seinem Körper kaum jemals antun sollte. Manche Leute nehmen morgens und abends regel­rechte Medika­menten-Cocktails zu sich; und „sie werden - wie mein kleiner Sohn einmal bemerkte - sehr krank sehr alt“.

So ist das „Gesundheitssystem“ zu einem Krankheitssystem geworden: einem riesigen Monster, das alle füttern. Die Leute gehen zum Arzt, sie gehen mit dem Rezept in die Apotheke, sie machen Therapien, sie unterziehen sich Operationen, und danach lassen sie sich auf „Reha“ schicken. Sie denken nicht an die Kosten, solange die Krankenkasse sie übernimmt. Dass sie jeden Monat eine Unmenge dafür zahlen, daran haben sie sich gewöhnt. Was sie selbst zahlen müssen, zahlen sie ohne allzu großes Murren, solange es ihnen möglich ist. Und so wird das Monster immer größer und gefrä­ßiger.

Viele beschäftigen sich mit all den Notfällen: Ärzte, Heilpraktiker, Laborper­sonal, Zahnärzte, Zahn­techniker, Apotheker, Arzneimittelhersteller, Kranken­schwestern, Krankenpfleger, Physiotherapeu­ten, Psychotherapeuten, Masseure, Sani­täter, Kranken­transportunternehmer, Hersteller und Händler von Untersuchungs-, Opera­tions- und Behand­lungsinstrumenten und -geräten, von Gehhilfen, Sehhilfen und Hör­hilfen usw. Ganze Wirt­schaftszweige leben davon, größtenteils von der Solidargemein­schaft finan­ziert. Die Krankheit ist zu einem Wirtschaftsfaktor geworden. Viele ver­dienen daran; und wenn plötzlich alle Leute gesund würden, wären viele arbeits­los oder pleite.

Das Monster hat natürlich zwei Gesichter. Das andere ist das Gesicht, das sich um Unfallopfer kümmert, Sterbenden das Leben rettet und Geburtshilfe leistet. Es ist ein gütiges und schönes Gesicht. Und es ist diese Ambivalenz, durch die das Monster aufrecht­erhalten wird. Wer wollte schon etwas dagegen sagen, wenn es einem gerade das schöne Gesicht zeigt!

Wollte man nach den Ursachen körperlicher Störungen und Krankheiten suchen, wäre sicherlich nichts naheliegender als bei der Ernährung zu beginnen. Doch es scheint einfach keinerlei Notwendigkeit zu bestehen, sich damit auseinanderzusetzen. Die Leu­te essen und trinken nach Lust und Laune. Fernsehköche kreieren exotische Gerichte. Kriterien sind Bissfestigkeit, das Bouquet der Soße, der Charakter des Weins, wie er zum Fleisch passt u. ä. Es hat erstaunlich wenig mit Ernährung zu tun.

Außerdem ist der Körper undurch­sichtig. Man kann nicht sehen, was im Magen, in der Leber, im Dünndarm oder im Dickdarm geschieht. Es bleibt einem verborgen, wie die Darm­wand aussieht oder was an Nahrungsresten im Dickdarm fest­hängt. Man weiß zu wenig über den Körper, um die Anzeichen einer Störung zu erkennen. Man kann die Äußerun­gen des Körpers erst deuten, wenn eine Krankheit daraus geworden ist: ein weiterer Notfall.

Es ist wie mit der Zerstörung unserer Umwelt. Die Leute machen sich nicht wirklich Gedanken darüber. Im Gegenteil, sie machen stetig und unbeirrt damit weiter. Die Not­fälle, in diesem Fall die Umweltkatastrophen, sind kein Anlass für sie umzudenken. Nur die Katastrophe selbst bringt sie eine Zeitlang zum Reagieren.

Aller Widrigkeiten zum Trotz haben wir heute jedoch eine Ernährungs-wissenschaft 1 . 1956 wurde der erste Lehrstuhl für „Menschliche Ernährungs-lehre“ in Gießen einge­richtet. In der Zwischenzeit gibt es zehn Universitäten in Deutschland, an denen man Ernährungswissenschaft studieren kann. Natürlich kann das nur ein bescheidener Anfang sein – zumal es aufzuarbeiten gilt, wie sich die Agrar- und Lebensmittel­industrie bisher auf die Volksgesundheit ausgewirkt hat. Doch es ist ein echter Licht­blick.

Es ist um so erfreulicher, da man ohne Ernährungswissenschaft nicht wirklich wissen kann, wie der menschliche Körper zu pflegen ist – wenn man unter Körperpflege mehr als nur Kosmetik versteht. Wichtiger als die äußere ist die innere Pflege. So sind Kreis­lauferkrankungen die Todesursache Nummer eins in Deutschland 2; und sie gehen darauf zurück, dass das Herz-Kreislaufsystem verrottet, bis sich Blutgefäße verschlie­ßen und irgendwann bersten. Darmkrebs ist die zweithäufigste Krebsart 3; und der Darm des Krebskranken ist wahrscheinlich – unsichtbar für den äußeren Beobachter – eine verklebte, eitrige und mit Kot beschichtete Abflussröhre.

Doch die Blutgefäße oder der Darm kamen in den Zustand, in dem sie sind, in erster Linie durch das, was dem Körper die ganze Zeit an Nahrung verabreicht wurde. Es gelangte über den Darm in das Blut. Um also zu verstehen, wie die Blutgefäße oder der Darm zu pflegen sind – wie man sie sauber, elastisch und funktionsfähig hält -, ist es notwendig, etwas über die Ernährung zu wissen.

Anatomie und Physiologie sind die Basis der Wissenschaften vom menschli­chen Kör­per. Darauf aufbauend, brauchen wir Wissenschaften von der Ernäh­rung, Pflege und Be­wegung des Körpers. Das würde die „Notfälle“ erheblich verrin­gern. Und die sind der ureigene Bereich der Medi­zin. In einer gesunden Gesell­schaft wäre das nicht nur wissenschaftliche Realität, sondern selbstverständlich für alle.

 

Literatur

Bircher, Ralph (2010). Geheimarchiv der Ernährungslehre. Rottenburg: Kopp, 13. Aufl.

Meyer-Steineg, Theodor & Sudhoff, Karl (1923). Geschichte der Medizin. Jena: Gustav Fischer, 2. Aufl.

 

Web-Links

1 http://de.wikipedia.org/wiki/Ern%C3%A4hrungswissenschaft

2 http://de.wikipedia.org/wiki/Todesursache

3 http://de.wikipedia.org/wiki/Krebs_(Medizin)

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