Aller Anfang ist schwer

Nr. 1 einer Artikelreihe über die Ernährung

 

 

Wir essen und trinken jeden Tag. Morgens, mittags und abends - zwischen­durch und hinter­her. Tagaus, tagein - ein ganzes Leben lang. Es könnte also wichtig sein, was wir essen und was wir trinken. Solange uns das nicht ein­leuchtet, wird unsere Ernährung jeden­falls Gewohnheit bleiben: unbedacht und bestimmt von Gelüsten und Süchten - und von Lebensmittelwerbungen ohne Sinn und Verstand.

Die Ernährung sollte eigentlich eines der ersten Fächer sein, in denen Schulkinder unterrichtet werden – gefolgt von Körperpflege und Sport. Schließ-lich werden sie ihr gan­zes Leben lang nur diesen einen Körper zur Verfügung haben; und irgendwann werden sie ihren Eltern zustimmen, wenn die ihnen sagen: „Gesundheit ist das Wich­tigste überhaupt!“

Ein gesunder Körper ist sicherlich von unschätzbarem Wert, um die Spiele des Lebens zu spielen. Was nützen Ihnen all Ihre Ideen und Pläne, wenn Sie mit Grippe im Bett liegen?

Deshalb hat der Körper stets Vorrang, wenn es darum geht, Störungen und Krankheiten zu behandeln. Sodbrennen beispielsweise ist eine körperliche Störung, Rheuma eine körperliche Krankheit. Nervosität ist eine seelische Stö-rung, Depressionen sind eine seelische Krankheit.

Meist ist beides eng miteinander verknüpft. So ist die Demenz der Alzheimer­schen Krank­heit durch den Untergang der Großhirnrinde – also körperlich - bedingt, wenn­gleich der seeli­sche Verfall im Vordergrund steht. Umgekehrt liegt die Aufmerksamkeit im Falle chronischer Schmerzen ganz auf dem schmerzenden Körperteil, auch wenn sich keiner­lei körperliche Ursachen finden lassen.

Oft ist es zunächst unklar, um welche Art von Störung oder Krankheit es sich überhaupt handelt. Beispiele wären chronische Migräne oder ständig wiederkehrende Entzündun­gen der oberen Atemwege. Üblicherweise klären wir zuerst den kör­perlichen Zustand ab. Erst wenn der körperliche Befund negativ ist, betrachten wir die Probleme als seelisch bedingt. Wir gehen in dieser Reihenfolge vor, weil der Körper der empfind­liche, ver­letzbare und sterbliche Teil des Menschen ist.

Doch Kinder lernen weder etwas über die Ernährung noch über den Körper. Die Themen kommen im Lehrplan ihrer Schulen einfach nicht vor; und ihre Eltern wissen genauso wenig darüber wie sie selber.

Wie sollte es auch anderes sein? Schon in den 30-er Jahren des letzten Jahrhun­derts wiesen Ärzte darauf hin, wie schnell sich die sogenannten Zivilisations­krankheiten verbreitet hatten. Sie appellierten an ihre Regierung, eine Ernäh­rungswissenschaft ins Leben zu rufen, um die Situation unter Kontrolle zu brin­gen. Sie wandten sich an die Lebensmittelindustrie, um sie dazu zu bewegen, den Leuten vernünf­tige Lebens­mittel zu verkaufen. Doch die Politiker scheinen bis heute mit der Situation überfordert, und die Lebensmittelproduzenten hätten kaum weniger Verantwortung übernehmen können. „Experten“ vertreten nach wie vor völlig unterschiedliche Ansichten über Lebensmittel wie Fleisch, Milch, Getreide, Salz, Zucker usw. Und viele gut gemeinten Diäten haben sich als Irrtum her­ausgestellt 1.

So werden Zusammenhänge zwischen körperlicher Krankheit und Ernährung nur vage vermutet. Alle möglichen Ursachen werden in Erwägung gezogen: Stress bei der Arbeit, zu wenig Bewegung, Umweltgifte, mangelnde soziale Kontakte usw. Doch das Nächst­liegende bleibt erstaunlich unbeachtet. Daher sind die Ursachen der Krankheiten gewöhnlich „unbekannt“; viele Krankheiten gelten als „unheil­bar“, möglicherweise „gut behandel­bar“. Und unsere Gesellschaft ist so krank, dass sie die Behandlungskosten auch mit einer gigantischen Solidarleistung nicht mehr bezahlen kann.

Es ist also nicht verwunderlich, wenn Leute die Einstellung haben: „Ich esse, was mir schmeckt. Und damit basta!“ Und es ist auch nicht überraschend, wenn sich die übli­chen Er­nährungsgewohnheiten bei genauerem Hinsehen als Katastrophe heraus­stellen.

Wir haben heute durchaus brauchbare Informationen zum Thema Ernährung; und das Internet hat uns ganz neue Möglichkeiten gegeben, Informationen zu sam-meln und aus­zutauschen. Die beste Information nützt Ihnen aber nicht viel, solan­ge Sie sie nicht verstanden haben: nicht mehr als all die seltsamen „Diäten“ in Illustrier­ten und Fern­sehzeitschriften. Sie sind nicht dazu geschrieben, dass irgendjemand irgend­etwas ver­steht. Es ist nur seichte Unterhaltung. Doch es gibt keinen Ersatz für Verstehen.

Deshalb erhalten Sie hier auch keine Ernährungstipps. Der einzige, der Ihnen sagen sollte, was das Beste für Sie ist, sind Sie selber. Hier wird nur versucht, Ihnen Informa­tionen zu vermitteln, aufgrund derer Sie entscheiden können, was für Sie richtig und was für Sie falsch ist. Selbstbestimmung ist es, worum es hier geht.

Selbstbestimmung beruht auf Verstehen; und Verstehen beruht auf Interesse. Ohne Inter­esse gibt es kein Verstehen – und in der Tat werden Sie ohne Ihr ehrliches Interesse nicht sehr weit mit dieser Artikelreihe kommen. Nur wer sich wirklich für etwas interessiert, wird sich die Mühe machen zu klären, was er nicht versteht, und anwenden, was er als richtig erkannt hat.

Wenn es Ihnen trotz all dem möglich ist, sich auf diese Artikelreihe einzulassen, könnte es aber sein, dass Sie sich bald denken: „Ach du meine Güte! Was kann man denn da überhaupt noch es­sen?“ Es ist eine vernünftige Reaktion auf eine haarsträubende Situa­tion. Was in den Regalen der Supermärkte steht, hat zum großen Teil nichts mit „Lebens­mitteln“ zu tun. Wenn Ihnen das klar wird, sind Sie einen Schritt weiter gekom­men.

Genau das ist eine der wesentlichen Ursachen all der Krankheiten, mit denen wir es zu tun haben. Schauen Sie sich einmal in Ihrer Umgebung um und finden Sie jemanden, der wirklich gesund ist - eine Übung, die wahrscheinlich gar nicht so leicht ist. Die Leute haben Magenprobleme, Sodbrennen, zu hohen oder zu niedri­gen Blut­druck, Rücken-, Gelenk-, Muskel- und andere Schmerzen usw. Mit der Zeit kön­nen ernsthaf­tere Krank­heiten dazukommen. Und dabei scheint der Ein­druck zu ent­stehen: „Schick­sal!“ - „Da kann man nichts machen!“

Was für ein Unsinn! Der menschliche Organismus hat eine Entwicklungszeit von drei­einhalb Milliarden Jahren hinter sich. Es gibt nichts, was ausgereifter und stabiler wäre; und er verfügt über be­eindruckende Fähigkeiten, sich selbst zu heilen. Doch er kann in die Knie gehen, wenn man ihn die ganze Zeit mit Müll vollstopft.

Ernährung ist hier also kein Luxusthema in Ermangelung anderer Hobbys. Ganz im Sinne der oben erwähnten Ärzte wird die Ernährung hier als Wissenschaft aufgefasst, die nur einen Zweck hat: die körperliche Gesundheit des Menschen zu erhalten oder wiederherzustellen.

Wenn man be­ginnt, seine Ernährung in Ordnung zu bringen, sollte man aber keine sofortigen Verbesse­rungen seines körperlichen Zustands erwarten. Bei der Menge an belastenden und schädigenden Stoffen, die in ganz gewöhnlichen Lebens­mitteln enthal­ten sind, wird es oft keinen Unterschied machen, den einen oder anderen davon wegzu­lassen.

Außerdem hat es meistens Jahrzehn­te gedauert, bis chronische Störungen auf­grund von Fehlernährung, vielleicht auch Alko­hol und Drogen akut wurden. Dann hat man Medi­kamente genommen, die nach eini­ger Zeit selbst zum Problem wurden. Medikamente haben nun einmal „Nebenwir­kungen“. Deshalb sind sie nur sinnvoll, wenn die Neben­wirkungen weniger Krank­heit für den Körper bedeuten als die Krank­heit, ge­gen die sie eingesetzt werden. In jedem Fall aber hätten die Ursachen der Krank­heit so schnell wie möglich gefunden und beho­ben wer­den müssen. Doch die Ursachen wurden wahr­scheinlich niemals gesucht, ge­schweige denn gefunden.

Es kann also ein wenig dauern – wenngleich schnelle und sofortige Verbesserun­gen möglich sind. John Symes berichtet von einem unmittelbaren Nachlassen chronischer Muskelschmer­zen („Fibro­myalgie“), nachdem er einige Dinge in seiner Ernährung verändert hatte 2. Ich selbst sah eine schwere Epilepsie sofort und für die Dauer einer umfangreichen und strengen Diät ver­schwinden. Und in der Tat hat die Epilepsie in der Zwischenzeit für viele ihre Schrecken verloren 2.

Für den Fall jedoch, dass Sie gegenwärtig irgendwelche Medikamente nehmen, möchte ich Sie darauf hinweisen, sie auf keinen Fall selbständig abzusetzen. Was immer die Ursache oder die Ursachen der Krankheit sein mögen, weswegen Sie die Medikamente nehmen, jetzt braucht Ihr Organismus sie möglicherweise. Medi­kamente sind also nur unter medizinischer Kontrolle abzusetzen – auch wenn Sie dazu einen Arzt brauchen, der weiß, worum es hier geht.

Wenn Sie irgendwann aber die Idee haben, dass Essen entweder schmeckt oder gesund ist, haben Sie etwas missverstanden. Die Leute haben ihre persönlichen Gewohnheiten und Süchte, die ihr Geschmacks­empfinden ver­zerren. Doch wenn es einem gelingt, von Currywurst mit Pommes, Schokoriegeln und Diät-Limo­naden loszukommen, wird man wahr­scheinlich feststellen, welch ein Genuss Ernährung sein kann.

In der Tat sollte lustvoll sein, was dem Überleben dient: ein grundlegendes Prin­zip des Lebens. Deshalb ist es nicht allzu verwunderlich, dass gesunde Nahrung schmackhafte Nah­rung ist. Und deshalb ist es auch verständlich, dass Leute, die sich an gesun­de Lebens­mittel gewöhnt haben, Ekel vor überzuckertem Gebäck, nach Geschmacks­verstärkern riechender Sa­lami, unverdaulichen Kartoffelchips und der­gleichen empfin­den.

Ein weiterer Nebeneffekt gesunder Ernährung besteht darin, dass man gründlicher kaut, was man isst. Man möchte einfach genießen, was so gut schmeckt. Und das entlastet den Körper ungemein, weil es seinen Aufwand an Verdauungs­stoffen reduziert oder minimiert – solange man sie nicht durch ständige Flüssigkeits­zufuhr während des Essens oder kurz danach verdünnt.

Wahrscheinlich isst man auch weniger, wenn man sich gesund ernährt. Die heute übli­che Nahrung ist zum großen Teil ihrer ursprünglichen Inhaltsstoffe be­raubt. Die ständi­ge Esserei beruht darauf, dass dem Organismus Nahrung zugeführt wird, die diese Inhaltsstoffe kaum oder nicht mehr hat. So verlangt er immer und immer wieder danach, ohne zu bekommen, was er vernünftigerweise erwartet. Was er von dem überflüssigen Ma­terial nicht loswerden kann, muss er im Binde­gewebe oder sonst wo lagern.

Natürlich ist es etwas teurer, sich gesund zu ernähren. Doch es ist wahrscheinlich um einiges billiger als die übliche Industriekost plus all die Medikamente, die sie im Laufe der Zeit notwendig macht.

Erfreulich ist schließlich auch die Tatsache, dass Gesundheit mit gutem Aus­sehen einhergeht: ein weiteres Prinzip des Lebens … dass ich da nicht früher drauf gekommen bin!

 

Literatur

Bircher, Ralph (2010). Geheimarchiv der Ernährungslehre. Rottenburg: Kopp, 13. Aufl.

 

Web-Links

1 THE LECTIN STORY

2 The Epilepsy Diet Made Simple

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