Anfangsbedingungen

Von Platon (427-347 v. Chr.) stammt das sogenannte „Höhlengleichnis“. Er lässt es seinen Lehrer Sokrates im siebten Buch seiner Schrift über die „Politeia“ („Der Staat“)) erzählen.

Sokrates beschreibt eine Höhle, von der aus ein Gang zur Erdoberfläche führt. In der Höhle leben Menschen, die jedoch so gefesselt sind, dass sie immer nur nach vorn, auf die Höhlenwand schauen können. Den Ausgang können sie nicht sehen, und sie wissen auch nichts von seiner Existenz. Erhellt wird die Höhle von einem Feuer, das weit hinter den Höhlenmenschen, in der Ferne brennt. Sie sehen nur die beleuchtete Wand, niemals die Quelle des Lichts.

Hinter den Gefangenen (in ihrem Rücken) befindet sich eine Mauer, die gerade so hoch ist, dass Menschen dahinter hin- und hergehen können, ohne dass ihre Schatten sichtbar würden. Sie tragen allerlei Figuren aus Holz und Stein auf Stangen und Gerüsten umher. Manche unterhalten sich, manche bleiben stumm.

Die Gefangenen können die bewegten Gestalten an der Höhlenwand vor sich sehen, nicht aber deren Träger. Wenn jemand spricht, hallt das Echo von den Wänden rings­umher zurück, als ob die Schatten sprächen. Deshalb meinen die Gefangenen, die Schat­ten könnten sprechen. Und sie haben eine „Wissenschaft von den Schatten“ entwickelt, mit der sie versuchen Gesetzmäßigkeiten im Auftreten und in den Bewegungen der Schatten festzustellen.

Sokrates setzt hinzu, dass es sich bei dem, was er beschrieben hat, nicht um Wissen, sondern nur eine Ahnung oder Hoffnung handle.

Viktor von Weizsäcker (1886-1957) Medizinprofessor in Breslau und Heidelberg (und Onkel des früheren Bundespräsidenten Richard von Weizsäcker), machte es sich ein­facher. Er meinte, dass wir auch heute einem Verstehen des Lebens nicht näher gekom­men sind als ein Bergwerk dem Mittelpunkt der Erde.

Niemand braucht sich also auf die Füße getreten fühlen. Wir haben eine Menge Wissen angehäuft – das ist heute ja der große Vorteil. Doch was wir über den Menschen, das Leben und das Universum wissen, ist nicht allzu viel.

_______________

Wo also sollten wir anfangen? Wie sollten wir vorgehen? Wir können von Weizsäcker übernehmen, was er für seine Absichten, den Menschen zu verstehen, forderte: „Es gibt nur einen einzigen Weg, auf dem den neuen Ansichten die nötige Festigung und die durchschlagende Wirkung zu geben ist: die Wissenschaft, wenn auch in veränderter Form und mit neuen Methoden“ (nach Bircher, Ralph [2010]. Geheimarchiv der Ernährungslehre. Rottenburg: Kopp, 13. Aufl.).

Die naturwissenschaftlichen Methoden reichen dafür nicht aus. Sie fordern ja, dass wir uns ausschließlich mit Dingen beschäftigen, die „objektiv“, das heißt von verschiedenen Beobachtern, wahrgenommen werden können. Der Verstand einer Person jedoch ist nur für die Person selbst erlebbar. Er beginnt sozusagen dort, wo die naturwissenschaft­lichen Methoden enden. Also müssen wir die Methodik erweitern - oder beschließen, dass wir den Verstand nicht untersuchen können, weil er sich unseren Methoden ent­zieht, was natürlich Unfug ist.

_______________

Da die Person die einzige ist, die „Zugang zum Rechner“ hat, kann nur sie ihn unter­suchen und bearbeiten.

Ohne fremde Hilfe wird es ihr kaum möglich sein – ansonsten wären die Leute schon früher darauf gekommen. Doch die Hilfe kann logischerweise nie­mals darin bestehen, ihr zu „erklären“, was mit ihrem „Rechner“ los ist, seine Äußerun­gen zu „deuten“ o.ä. Wie wollte ein Außenstehender das wissen?

Tatsächliche Hilfe kann nur darin bestehen, die Person zu den ungewollten oder uner­wünschten Reaktionen und Aktionen ihres „Rechners“ zu befragen, ihr Vorschläge zur Lösung des Problems zu machen, ihr bei der Durchführung der Korrekturaktionen zu helfen und deren Erfolg sicherzustellen.

Erfolgskriterien sollten Erkenntnisse und Einsichten der Person sein und in deren Kiel­wasser gelöste Probleme im Leben, Glücklichsein und dergleichen mehr - denn die Probleme ihres Falls und die Probleme ihres Lebens sind zwei Seiten ein und derselben Münze.

Man braucht natürlich eine gewisse Datenbasis, um zu beginnen. Das gilt für jede Akti­vität; und es gilt allemal für eine Technologie, die sich mit einem so umfangreichen und komplexen Gegenstand wie dem menschlichen Verstand beschäftigt. Die Vermitt­lung solcher Basisinformation ist der ganze Zweck des Ferninstituts.

„Jedes Leben hat sein Maß an Leid. Manchmal bewirkt eben dieses unser Erwachen“ (Siddhartha Gautama).

 

Druckversion Druckversion | Sitemap
Ferninstitut für mentale Technologie - Es gibt keinen Ersatz für verstehen.